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Aus Calcars letzter Vergangenheit

 

mitgeteilt durch Franz Kühnen, Gemeindedirektor, Calcar (Niederrhein)  geboren am 04.02.1895 - gestorben am 02.09.1968 in Kleve. Der Widerstand eines Beamten zu Beginn der Nazi-Diktatur,  siehe Bericht im Kalender für das Klever Land,  Seite 71 bis 75 - Abschrift aus der Calcarer Volkszeitung.

Aus Calcars letzter Vergangenheit - Diese Abschrift ist nicht vollständig 

Vorwort

Ein guter Gedanke war es, als ein früheres Oberhaupt unseres Städtchens es anfangs des vorigen Jahrhunderts unternahm, alle wichtigeren Ereignisse in Calcar und seiner Nachbarschaft zusammenzustellen und sie in einem Buche, der „Chronik der Bürgermeisterei Calcar“ niederzuschreiben, um so der Nachwelt erhalten und überliefert zu werden. Wann ist unser Marktplatz gepflastert worden? Seit wann besteht die Stadtwaage? Seit wann die jüdische Synagoge in der Hanselaerstraße? Wer war der letzte Pfarrer von Hanselaer? Diese Fragen kann nicht jeder Calcarer ohne weiteres beantworten und ich glaube deshalb meinen Mitbürgern wohl  einen Dienst damit zu tun, wenn ich den Chronisten hierüber erzählen lasse, nicht aus dem Mittelalter, der Zeit, als unsere prachtvolle St. Nicolai-Pfarrkirche und unser herrliches Rathaus erstanden, sondern beginnen mit  einer Zeit, die der unsrigen in mancher Hinsicht sehr ähnlich ist und aus der die ältesten Calcarer Bürger aus den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern vielleicht noch etwas in die heutigen Tage hinübergerettet haben.


Die Chronik  beginnt mit dem Jahre 1794, dem 2. Jahre der französischen Republik und führt, besonders in ihrem ersten Teile, vieles an, was nicht unmittelbar mit dem Namen Calcar zusammenhängt und nicht Geschehnisse auf Calcarer Boden sind. Immerhin glaubte ich aber auch dieses, weil es viel des Interessanten bietet, mitaufnehmen zu sollen.

Aus Calcars letzter Vergangenheit. Mitgeteilt von Franz. Kühnen

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1794, den 19. Oktober zogen die Franzosen hier in Calcar ein. Es war eine Abteilung Kavallerie von 100 bis 150 Mann, wovon der nachher so berühmte General und Marschall  Ren damals Eskadronschef, der Kommandant war.  Dieser wurde hier im Hause der Witwe Werning am Kesseltor Nr. 72 (jetziger Besitzer Herr Friedrich Neuhaus) einquartiert. Im Monat November wurde von den Franzosen die Festung  Nymegen eingenommen.   Während der Belagerung dieser Stadt fielen die Österreicher bei Büderich  über den Rhein um Nymegen, Venlo und die Grave zu entsetzen, wurden aber zurückgeschlagen.  Das Gefecht war hitzig. Der Winter von 1794/95 war äußerst kalt. Schon früh trat Frost und Schnee ein. Der Frost war anhaltend stark und im Dezember waren bereits alle Bäche, Flüsse und Ströme zugefroren. Hierdurch wurde das Elend des Krieges bedeutend verschlimmert. Durch  den Einzug der Franzosen, welche das linke Rheinufer besetzten, während die Alliierten das rechte Ufer inne hielten, war die Schifffahrt auf dem Rheine schon anfangs Oktober gehemmt worden. Es hatte also keine hinlängliche Zufuhr von Kohlen erfolgen können, weshalb hieran großer Mangel war. Holz und Waldungen wurden ohne Schonung von den Einwohnern und Soldaten angegriffen und zu Teile verwüstet. Auch musste die schöne Allee von Eichen und Buchen, die die alte Landstraße Cleve nach Xanten zierte, fallen.
Das Jahr 1794 war sehr gesegnet und es war Überfluß an allen Arten von Früchten; allein durch die überstarke anhaltende Einquartierung und die Lieferungen aller Art, von Oktober bis ins Frühjahr, war der Vorrat ganz verzehrt und der Mangel 

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an Lebensmitteln wurde sehr groß und fast allgemein. Ein Berliner Malter Roggen z.B. kostete im Frühjahr 20 und ein Malter Weizen 40 Reichstaler.  Winkelwaren (jetzt gewöhnlich Kolonialwaren genannt) konnte man im ganzen Winter fast gar nicht mehr haben, weil alle Läden geleert und fast geplündert waren, was indessen seinen Grund hauptsächlich darin hatte, daß die  Neufranken kein bares sondern Papiergeld waren, bekannt unter dem Namen Assignaten . Es durfte sich niemand unter  Todesstrafe weigern, sie in Zahlung zu nehmen, sie hatten aber nicht den mindesten Wert, so daß  Gegenstände im Werte von einem Livre mit  100 Livres und mehr bezahlt wurden. So wie es indessen oft bei den größten Drangsalen nicht an Anekdoten fehlt so auch hier. Man erzählte sich, daß jemand eine Assignate von 1000 Livres aus seiner Brieftasche hervorgezogen, sie aber unglücklicherweise in einen Topf habe fallen lassen, woraus gerade der  Hund des Hauses fraß. Bei der großen Gefräßigkeit desselben hatte der Unglückliche nicht mehr Zeit, den Geldschein wieder an sich zu nehmen, der und hatte ihn im Nur erhascht und mit verschlungen; er hatte also eine Mahlzeit gehabt, die 1000 Livres kostete.  

Der Frost war den französischen Heeren besonders bei der Eroberung von Holland sehr von Vorteil, weil alle Gewässer zugefroren waren, so daß ihr Zug durch die vielen dort befindlichen Flüsse und Kanäle gar nicht aufgehalten wurde. Um Neujahr  1795 gingen die Franzosen über den Rhein und die Waal und in 8 Tagen war ganz Holland erobert. Am rechten Rheinufer drangen die Franzosen nur bis oberhalb Emmerich vor. Unterdessen wurde zwischen Preußen und Frankreich Waffenstillstand und demnächst im April 1795 zu  Basel der Friede geschlossen. Nach Abschluß des Friedens räumten die Franzosen das rechte Rheinufer, hielten aber Holland und das linke Rheinufer militärisch besetzt bis 1801, wo durch den Luneviller Frieden das linke Rheinufer nebst anderen Ländern an Frankreich abgetreten wurde. Als das französische Heer, welches Holland nun größtenteils verließ, zurückkehrte, um nach dem Rhein zu marschieren, sah es ganz anders aus als bei dem Einmarsch hierselbst. Dasselbe war nun prächtig equigiert (ausgerüstet) und armiert (bewaffnet) und die Soldaten hatten statt Papier bares Geld, wohingegen sie beim Einmarsch sehr schlecht uniformiert waren, z.B. trug der eine 

 

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einen Hut, der andere eine Mütze, der dritte hatte Stiefel, andere Schuhe und Holzschuhe. Ebenso verschiedenartig waren ihre übrigen Kleidungsstücke, welche zudem im denkbar schlechtesten Zustande waren, so daß fast das ganze Heer ebenso bunt als zerlumpt aussah. Selbst die Manneszucht schien verloren gegangen zu sein, denn man  sah oft Soldaten in Reih und Glied mit der rauchenden Tabakspfeife im Munde. Es gab Offiziere, die nicht einmal ihren Namen schreiben konnten. Man mußte sich darüber wundern, wie eine solche Armee über die geregelten Heere der Alliierten hatte siegen können. Was aber dem Äußern fehlte, ersetzte der Mut der Soldaten. Das Motto der Armee war: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“  Es befand sich am Kopfe aller Verhandlungen, die von den französischen Behörden ausgingen. Keiner durfte sich „Herr“ nennen lassen. Das Wort „Bürger“ war der Ehrenname aller, vom Bettler bis zur ersten Magistratsperson, vom geringsten Tambour bis zum General. Hierdurch war die Einbildungskraft aller sehr angeregt, jeder Soldat glaubte sich zum Offizier, zum General berufen, wenn er sich nur durch Mut und Tapferkeit auszeichnete. Und wirklich hat es viele Offiziere und viele der besten Generale gegeben, die sich vom gemeinen Soldaten zu dieser Höhe emporgeschwungen haben.

Durch die schnelle Eroberung Hollands wurde den hiesigen Einwohnern Luft gemacht indem sie von der starken Einquartierung und von den drückendsten  Requisitionen und Lieferungen in etwa befreit wurden. Daß die Opfer, welche das Land hatte bringen müssen, sehr groß gewesen, läßt sich leicht begreifen, wenn man bedenkt, daß die zahlreichen französischen Heere, von allem entblößt , von Oktober bis ins Frühjahr am linken Rheinufer einquartiert waren und daß das Land alles, was der Soldat nötig hatte, herbeischaffen mußte.

Die Eroberung Holland hatte noch eine andere wichtige Folge, nämlich daß die Assignaten verschwanden und bares Geld in Umlauf kam, wodurch Handel und Verkehr wieder belebt wurden. Indessen waren manche Familien, besonders handeltreibende, welche die Waren nicht zeitig genug hatten verbergen können und sie also gegen Assignate hatten hergeben müssen, sehr benachteiligt, wenn nicht zu Grunde gerichtet worden, während andere und vorzüglich diejenigen, welche bei den Steuer und Domänenkassen Schuld hatten, Vorteil daraus 

 

 

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gezogen, indem sie ihre Rückstände mit Assignaten welche sie für wenig bares Geld so viel haben konnten, wie sie wollten, tilgten (Anmerkung: War es 1923 nicht genau so?)

 

Im Oktober 1795 ging das französische Heer in der Gegend von Kaiserswerth, Düsseldorf und weiter aufwärts über den Rhein, wodurch die hiesige Gegend fast ganz von Truppen befreit wurde, allein es hatten noch immer Lieferungen, wenn auch weniger stark, stattgehabt; auch hatte das Land noch mehrere Jahre lang infolge des Durchmarsches der Truppen, welche aus Holland kamen oder dorthin marschierten, zu leiden.

Durch Beschluß des Regierungskommissärs Kudler de dato Mainz, den 14. Brumaire Jahr 6 der Republik (4. November 1798) wurden die eroberten Länder am linken Rheinufer in 4 Departemente (Bezirke) eingeteilt. Calcar und Umgegend kam zum Roer- Departement, wovon die Stadt Aachen der Hauptort wurde. Durch Beschluß desselben  Kommissärs  vom 1. Pluviose Jahr 6 (20. Januar 1798) wurde das Roerdepartement in 42  Kantone eingeteilt und Calcar wurde der Hauptort des Kantons Calcar wozu die Gemeinden Calcar, Altcalcar, Tiel, Moyland, Schneppenbaum, Hasselt, Qualburg, Riswyck, Keppeln,  Uedemerbruch, Uedem, Uedemerfeld, Steinbergen, Appeldorn, Hanselaer, Hoennepel, Niedermörmter, Grieth, Wissel, Wisselward, Bylerward, Huisberden und Emmericher Eyland gehörten. An der Spitze des Departements stand eine Zentralverwaltung, welche aus  5 Gliedern bestand und zu Aachen ihren Sitz hatte. Jede Gemeinde hatte einen Agent, welcher die Polizei und Gemeindeverwaltung führte. Sämtliche Agenten eines Kantons machten die Municipalität desselben aus und versammelten sich alle 10 Tage im Hauptorte des Kantons, um über gemeinsame Interessen zu beraten.  Bei jeder Municipalität war ein Kommissar der Regierung angestellt. In Hinsicht der Justizpflege wurde das Departement in 4 Bezirke eingeteilt. Der Kanton Calcar gehörte zu dem Bezirke von Cleve. In jedem Bezirke war ein Tribunal oder Gericht erster Instanz und im Hauptorte eines jeden Kantons ein Friedens- und Polizeigericht.- Die französische Douane- oder Zolllinie wurde an den Rhein verlegt, der neue oder Republikanische Kalender, sowie Gesetze über den Personenstand eingeführt, wonach alle Akten (Urkunden) über Geburten, Heiraten und Sterbefälle

 

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und zwar vom 1. Fructidor Jahr 6 (18. August 1798) angerechnet, von der Zivilbehörde aufgenommen werden mußten und so nach und nach die französische Gesetzgebung eingeführt.

 Die neue Zeitrechnung fing  mit dem Jahre 1792 zum Andenken an die Errichtung der französischen Republik an. Der Anfang des Jahres war mit dem Tage, wo das Herbst-Aequinoctium anfängt und wurde für das erste Jahr auf den 22. September 1792 gesetzt. Das Jahr hatte zwar auch 12 Monate allein die Namen  waren ganz neu und hießen:  Vendemiaire (Weinlesemonat, 22./24. Sept. bis  21./23 Okt.) Brumaire (Nebelmonat, 22./24. Okt. bis 20./22. Nov.) Frimaire (Reifmonat, 21./23. Nov. Bis 20./22. Dez.),  Nivose (Schneemonat, 21./23. Dez. bis 19./20. Jan.), Pluviose  (Regenmonat, 20./22. Jan. bis 18./20. Febr.), Ventose ( Windmonat, 19./21. Febr. Bis 20./21. März), Germinal (Sproßmonat, 21./22. März bis 19./20. April), Floreal (Blütenmonat, 20./21. April bis 19./20. Mai), Prairial (Wiesenmonat, 20./21. Mai bis 18./19.  Juni), Messidor ( Erntemonat, 19./20. Juni bis 18./19. Juli), Thermidor (Hitzemonat, 19./20. Juli bis 17./18. Aug.), Fructidor (Fruchtmonat, 18./19. Aug. bis 21./23. Sept.)


Jeder Monat hatte nur 30 Tage; nach dem Monat Fructidor wurden 5 und in einem Schaltjahr 6 Ergänzungstage, wie man sie nannte, gezählt. Jeder zehnte Tag im Monat welcher Decadi hieß, war Ruhetag, an welchem alle öffentliche Arbeiten strenge verboten waren. Auf die durch das Christentum eingeführten Sonn-und Feiertage  sollte gar keine Rücksicht mehr genommen werden, weil man dasselbe zu verdrängen sollte und eine auf die bloße Vernunft sich gründende Religion eingeführt werden sollte. Der Gottesdienst außerhalb der Kirche wurde gänzlich verboten, alle Bilder und Kennzeichen der Religion, welche sich außerhalb derselben vorfanden mußten verschwinden. Dieses war denn auch die Veranlassung, daß der hier auf dem Kirchhofe an der Südseite stehende Kalvarienberg abgebrochen werden mußte. Beim Abbrechen zerbrach das steinerne Kreuz und das Christusbild, so daß es auch später dort nicht wieder hat aufgestellt werden können. 
Indessen wurde durch die neue Gesetzgebung fast alles ganz anders gestattet. Die Ungleichheit der Grundsteuer, vormals Schatzung genannt, wonach einige Gründe von dieser Steuer ganz frei waren, 


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andere hingegen mehr zahlen sollten, als sie an Pacht aufbringen konnten, hörte auf. Die Gemeinde, worin solche gelegen, mußte diese Grundstücke in Eigentum übernehmen und das, was sie weniger aufbrachten, als die Steuern waren, ersetzten. Auf diese Art ist der Sattelhof und der Goddenhof zu Hanselaer an die Gemeinde gekommen. Ein jeder erhielt die Befugnis, frei über sein Eigentum zu verfügen, was früher, wo z.B. ein Bauernhof nicht zerstückelt werden durfte, nicht der Fall war. Dieses Zwanggemahl wurde aufgehoben und jeder konnte zur Mühle gehen, wo es ihm beliebte und er am besten bedient wurde. Wie lästig dieser Zwang gewesen sein muß, läßt sich daraus ersehen daß z.B. Marienbaum und Vynen gezwungen waren, nach Calcar zur Mühle zu kommen. Das Zehntenrecht, wonach fast von allen Ländereien die zehnte Garbe der Früchte an den Zehntherren abgegeben werden mußte, wurde abgeschafft. Es war dies, wie leicht zu begreifen, eine ebenso lästige, wie bürdende Last für den Landmann. Der Adel und die Geistigkeit waren meistens im Besitz solcher Zehnten. Ein jeder hatte von nun an die Freiheit, einen solchen Handel oder ein solches Gewerbe zu betreiben, als er nach seinem Vermögen für gut fand, was nach der vorigen Verfassung nicht gestattet war, da handeln und Gewerbe auf dem Lande sehr beschränkt und diese meistens ein Vorrecht der Städte waren. In den Städten war aber fast alles in Zünfte und Körperschaften eingeteilt, wodurch auch hier der Handel und die Gewerbe sehr beschränkt wurden. Wer z.B. ein Handwerk betreiben wollte, mußte erst das Bürgerrecht kaufen, dann eine Prüfung bestehen, und wenn er für fähig gehalten worden, zuvor noch eine Gewisse Summe an die Zunft erlegen, ehe er in dieselbe aufgenommen wurde und er sein Handwerk betreiben konnte. Die Prüfung wäre wohl nicht zu tadeln, vielleicht eher zu empfehlen gewesen, allein da die Zünfte selbst diese Prüfung abhielten, hatte der, welchen man nicht gerne aufnehmen wollte, oft mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es war dieses, wie leicht zu denken, nicht selten der Fall, weil dabei gewöhnlich Brotneid mit spielte. Alle Frohndienste und Abgaben, die Jagd und sonstige besondere Rechte und Privilegien wurden sämtlich mit einem Schlage abgeschafft. Daß durch solche totale Umwälzungen mancher verlor, viele aber auch dabei gewonnen, brauch kaum erwähnt werden. Es war daher wichtig, diesen Zeitpunkt
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etwas näher zu berühren und zu erläutern, weil die damaligen Veränderungen auch für die Folge so sehr auf die Staats-und Bürgerlichen Verhältnisse eingewirkt haben, daß dadurch in mancher Beziehung eine neue Ordnung der Dinge entstanden ist. 

Sofort beim Einzug der Franzosen mußte in allen Gemeinden Freiheitsbäume zum Zeichen der errungen Freiheit gepflanzt werden. Bei der ersten Organisation im Jahre 6 mußte diese Festlichkeit erneuert werden und so wurde hier am 26. Meßidor desselben Jahres (14. Juli 1798) zum zweitenmal ein Freiheitsbaum gepflanzt. Das darüber vorgefundene Programm beweist, mit welcher Feierlichkeit dieses Fest gefeiert werden sollte. Indessen hat der zweite so wenig als der erste Baum Wurzel gefaßt.


Der Winter 1798/99 war sehr kalt. Schon anfangs Dezember war der Rhein an mehreren Stellen zugefroren und blieb bis in den Februar hinein mit Eis bedeckt. Beim Auftauen entstand eine fast allgemeine Überschwemmung sowohl in hiesiger  Gegend als auch in Holland. Im Entenbusch und am Erfken zu Till wurden die Deiche durchbrochen. Schrecklich aber waren die Verwüstungen unterhalb Cleves, besonders zu Mehr, wurden mehrere Häuser durch den Strom und das Eis fortgerissen und viele Menschen sowie eine Menge Vieh in den Fluten umkamen.
 

Am 9. November 1799, nach seiner Rückkehr aus Aegypten, stürzte der General Bonaparte das Direktorium zu Paris und führte die Konsularregierung ein. Er selbst wurde erster Konsul auf 10 Jahre und hatte die ausführende Gewalt. Im Jahre 1800 eroberte er ganz Italien wieder, welches während seines Zuges nach Aegypten unter dem Direktorium verloren gegangen war; auch schlugen die Franzosen die Oesterreicher und Reichstruppen in mehreren Schlachten in Deutschland, worauf am 9. Februar 1801 der Friede zu Luneville geschlossen wurde, kraft dessen das linke Rheinufer und Belgien an Frankreich förmlich abgetreten und infolge Gesetzes vom 18. Ventose Jahr 9 (9. März 1801) promulgiert (veröffentlicht) am 28. desselben Monats, der französischen Republik einverleibt wurden. Durch Beschluss der Konsuln vom 17. Ventose Jahr 8 (8. März 1800) wurden die Zentral- und Kantonal-Verwaltungen aufgehoben. Jedes Departement erhielt einen Präfekten nebst Präfekturrat  und 

 
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 jeder Bezirk einen Unterpräfekten. Cleve wurde der Sitz  eines Unterpräfekten. Die Gemeinden wurden zu Mairien  zusammengefaßt und so entstanden hier im Kanton 6 Mairien, nämlich Calcar, Appeldorn, Grieth, Keppeln, Till und Uedem.  Die Mairien Calcar ward aus der Stadt Calcar und dem Dorfe Altcalcar gebildet. Jede Mairie erhielt einen Maire (Bürgermeister) und einen Adjunkt (Amtsgehilfen, Sekretär) um die Polizei- und Gemeindeangelegenheiten zu verwalten und einen Munizipal- oder Gemeinderat, um über Gemeindeangelegenheiten zu beraten. Der erste Maire war Herr Gerhard Theodor Robbers.


Am 9. November 1800, an einem  Sonntagnachmittage, erhob sich ein schrecklicher Orkan, der bis spät abends andauerte und großen Schaden anrichtete. Gebäude wurden entdacht, Schornsteine stürzten ein usw. Besonders stark litten die Holzungen und unter diesen vor allem die Tannen, wovon ganze Büsche entwurzelt und umgeworfen wurden. Auch die hiesige Kirche litt bedeutend. Ein Teil des Daches vom hohen Chore wurde abgeworfen, das vierte Glasfenster an der Südseite stürzte ganz ein usw. 

Zufolge Beschlusses der Konsuln vom 13. Brumaire  Jahr 9 (4. November 1800) sollten die neuen Maße und Gewichte vom 1. Vendemiaire Jahr 10 (23. Sept. 1801) für die ganze Republik bindend sein. Es waren diese neuen Maße und Gewichte nicht bloß durch ihre Benennung, sondern hauptsächlich dadurch von den alten unterschieden, daß sie ganz auf die Dezimalrechnung gegründet sind. Maßeinheit ist  der metre (Meter), welcher der zehnmillionste Teil des Erdmeridian-Quadranten vom Nordpol zum Aequator ist. In diesem neuen System heißt 10 deca, 100 hecta, 1000 kilo, 10000 myria; dagegen ein Zehntel deci, ein hundertstel  centi, ein Tausendstel milli, mithin ist ein Decameter 10, 1 Hectometre 100, 1 Kilometer 1000, 1 Myriametre 10000 Metre; hingegen ist ein Decimetre der 10te, ein Centimetre der 100ste, ein Millimetre der 1000ste Teil eines Metres. Ein Quadratmetre heißt  ar (Anmerkung: hiermacht der Chronist einen Schnitzer, denn bekanntlich ist nicht 1 sondern 100 Quadratmeter ein ar.) 100 ar machen einen hectar; ein Cubicmetre heißt Stere. Ein Gefäß, welches inwendig einen Decimetre cubic ausmacht, heißt Litre oder Kanne; 100Litre machen einen Hectolitres. Man hat ein solches Gefäß, welches die Faßbarkeit
 

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eines cubischen Decimetres hat, mit reinem destillierten Wasser gefüllt und das Wasser gewogen;  das Gewicht desselben hat man Kilogramm genannt, welch letzteres 1000 gramme enthält und das Pfund vertritt. <

 


Alle diese Benennungen von Are, Stere, Litre, gramme lassen sich durch Zusatz von deca, hecta, kilo, myria vergrößern und durch Hinzufügung von deci, centi, milli verkleinern, wie vorstehend bei Metre gezeigt ist.

Auch auf das Geld, wovon der Franken die Einheit ist, hat man das nämliche System angewandt. Der Franken wird in Zehntel oder Decimen und in Hundertstel oder Centimen eingeteilt. Ein Centime in Kupfer wiegt 2 gramme, ein Stück von 5 Centimen 10 gramme; 500 Centimen wiegen also gerade 1 Kilogramm. Ein Franken wiegt 5 gramm, ein Stück von 5 Franken 25 gramm und 40 5-Frankenstücke 1 Kilogramm. Ein Franken ist etwas mehr als 20 Stüber und macht nach dem jetzigen Kurs 7 Silbergroschen 10 Pfg.
Am 16. Meßidor Jahr 9, (15. Juli 1801) wurde zwischen dem Papste und der französischen Regierung ein Konkordat geschlossen, wodurch die katholische Religion in Frankreich wieder hergestellt wurde. Durch das darauf folgende Gesetz vom 18. Germinal Jahr 10 (8. April 1802) wurden die kirchlichen Angelegenheiten der christlichen Konfessionen organisiert. Frankreich wurde von neuem in Erzbistümer, Bistümer, Pfarren und Hilfspfarren eingeteilt. Aachen wurde der Sitz eines Bischofs. Calcar wurde eine Kantonalpfarre, alle übrigen Pfarren im hiesigen Kanton wurden mit wenigen Abänderungen beibehalten. Nur Bedburg, das früher zur Pfarre Qualburg gehörte, wurde bei der ersten Circumscription (Umschreibung) vom 26. Thermidor Jahr 13 (14 August 1805) Profect. Act. de 13 Pag: 527 zu einer eigenen Pfarre erhoben, dagegen wurde Hanselaer, welcher bei der ersten Organisation beibehalten worden war, bei der zweiten Circumscription vom 28 August 1808 supprimiert (aufgehoben) und Altcalcar, das bei der ersten supprimiert war, wurde wieder zur Pfarre erhoben. Zur Pfarre Altcalcar kamen nun alle an der Westseite der alten Landstraße  zwischen dieser und dem Walde liegenden Wohnungen, welche früher zur Pfarre Keppeln gehörten. Die supprimierte Kirche von Hanselaer wurde zur Pfarre Calcar gelegt und macht also seit 1808 einen Teil derselben aus. Indessen
  

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wurde, um ihn nicht zu kränken, der alte, ehrwürdige Pfarrer Theodor van Heek im Amte gelassen, bis er schließlich von selbst wegen Alters abdankte. Der erste Kantonalpfarrer war der damalige Pfarrer zu Calcar Herr Gerard van Rossum.

 

In gleichere Weise wurde auch die Konsistorial- und Lokalkirche der evangelischen Konfessionen circumscriliert  und zu Calcar blieb, wie zuvor, eine Pfarre. Seit dem 4. Juli 1802, wo Herr Prediger van de Werth nach Rees berufen worden war, war hier kein Prediger; die Pfarre wurde durch den Prediger von Uedem bis zum 6. November 1808 mitversehen und alsdann   vom Herrn Prediger van Spankeren wieder besetzt.

Am 9. Vendemiaire Jahr 10 (1.Oktober 1801) wurden die Friedens-Präliminarien zu London zwischen Frankreich und England geschlossen und so war nun nach einem Kriege von beinahe 10 Jahren, woran fast alle Mächte Europas beteiligt gewesen waren, der allgemeine Frieden hergestellt, allein er war nur von kurzer Dauer denn schon 1803 brachen die Feindseligkeiten zwischen beiden Mächten wieder aus. Erst 1814 endigten sie mit dem Sturze Napoleons.

 

Im Monat Praireal Jahr 10 (Mai 1802) wurde in ganz Frankreich darüber abgestimmt, ob Napoleon Bonaparte lebenslänglicher Konsul sein solle. Hier in Calcar waren 291 Stimmen für und keine gegen ihn.

Durch Beschluß der Konsuln vom 20. Praireal Jahr 10 (9. Juni 1802) wurden alle Kapitel, Klöster, geistliche Korporationen und Stiftungen aufgehoben. Selbst die Güter der Pfarrkirchen und der dabei vorhandenen Stiftungen waren in der Suppression begriffen, wurden aber bald nachher wieder freigegeben. Demnach wurden auch die drei hier bestehenden Klöster, nämlich das Dominikaner-Brigittiner- und Augustiner-Kloster aufgehoben. Im August 1802 erhielten die Religiösen hierselbst den Befehl, ihre Klöster innerhalb 10 Tagen zu verlassen, worauf sie sodann das Cäcilien- und Brigittinerkloster teils am 30. August abends 10 Uhr, teils am 2. September morgens geräumt haben. Die Dominikaner zogen einige Tage später aus. Daß die Suppression einige Sensation bei den Katholiken verursachte, wird leicht einleuchten, indessen war die allgemeine Stimmung nicht so sehr dagegen, als man hätte glauben sollen. Jeder Supprimierte, ohne Unterschied, Geistliche oder Laien, Männer
 

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 der Frauen, erhielten eine lebenslängliche Pension von 500 Franken jährlich. Die Geistlichen wurden nach und nach bei den Pfarrkirchen als Kapläne und Pfarrer angestellt. Das Mobiliarvermögen der supprimierten Kirchen wurde den Bischöfen zur Verfügung übergeben; diese verteilten es unter die Pfarrkirchen. So find  aus der Dominikanerkirche drei Altäre nach Keppeln und einer nach Goch gekommen, die Orgel aber nach Venray, die drei Altäre nebst der kleinen Orgel aus der Kirche der  Augustinessen kamen an die Kirche zu Altcalcar. Der hiesigen Pfarrkirchen ist wenig zugeteilt worden. Sie hat nur die Kanzel aus der Dominikanerkirche und das Gestühl, welches jetzt auf dem St. Johannischor steht nebst einigen alten Bänken, die an den Seitenmauern der Kirche stehen, aus den genannten Klöstern erhalten, ferner ein Gemälde, die Kreuzigung Christi darstellend,  welches auf dem genannten Chor dem Beichtstuhl gegenüber hängt sowie zwei Gemälde, die über den Kirchtüren der beiden Hallen hängen. Die alte Kanzel aus der hiesigen Pfarrkirche ist in die Kirche zu Bedburg gekommen, wogegen sie, wie gesagt, die Kanzel aus der Dominikanerkirche erhielt. Indessen ist dieser Tausch vielfach getadelt worden, weil die frühere Kanzel im alten Stil gearbeitet war und  besser zu den in der Kirche befindlichen Altären und Schnitzereien paßte. 


Das Dominikaner- sowie das Brigittinerkloster  sind am 27. Dezember 1803 verkauft und in den Jahren 1805-1808  abgebrochen. Das Augustinerinnenkloster ist am 5. Oktober 1810 verkauft und in den Jahren 1811 und 1812 abgebrochen. Die Dominikaner und Brigittiner hatten eine sehr prächtige Bibliothek. Diese sowie alles andere Vermögen, mit Ausnahme des Mobilars der Kirche, ist vom Staate eingezogen. Schade, daß von all dem Vermögen, das  von unseren Voreltern zu frommen Zwecken gestiftet war, nicht das Mindeste für den Unterricht oder sonstige gemeinnützige Zwecke erhalten worden ist.
Im Monat März 1803 wurde die Gegend um Calcar durch Überlaufen des Wassers über die Deiche bei Wissel überschwemmt.
Infolge Beschlusses der Konsuln vom 18. Thermidor Jahr 11 (6. August 1803) wurde im Spätherbst desselben Jahres die Militär-Konskription (Aushebung) eingeführt. Kurz darauf fand die erste Aushebung für das französische Heer statt. Es war dieses 
 

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wohl das unangenehmste, was den Einwohnern dieses Landes widerfahren konnte, denn sie waren unter der preußischen Regierung ganz frei davon gewesen, also gar nicht daran gewohnt. Indessen trösteten sich die  Wohlhabenderen damit, daß sie für 80 bis 100 Kronentaler einen Remplacant oder Ersatzmann haben konnten. In der Folge kostete aber ein solcher bei den anhaltenden Kriegen 3-6000 Franken und darüber. Manche Familie hat sich durch das Kaufen von Stellvertretern ruiniert. Im Dezember 1803 starb der Schullehrer Hansen. Er war zugleich Kirchenmeister und hat sich als solcher um die Kirche  besonders dadurch verdient gemacht, daß er die Beschädigungen, welche dieselbe bei dem Orkan am 9. November 1800 erlitten hatte, wieder ausbesserte. An seine Stelle kam C. H. Scholte, welcher im Juli 1804 installiert wurde.

Früher waren hier zwei katholische Schulen nämlich eine größere, die Knabenschule und eine kleiner oder zweite Schule, worin auch die Mädchen unterrichtet wurden. Die größere oder Knabenschule war in dem hinter der Kirche liegenden Hause Nr. 272 (jetzt 292); in ihr befand sich auch die Wohnung des ersten Lehrers. Die zweite oder kleinere Schule war in dem neben der jetzigen Schule liegenden Hause Nr. 291, jetzt 315; hier wohnte auch der zweite Lehrer.
Seit 1791, wo der Schullehrer Hansen hier angestellt wurde, wurden Knaben und Mädchen in die größere Schule aufgenommen. Dem Lehrer Hansen wurde das Haus, in dem bis dahin die kleinere und zweite Schule gewesen war, als Wohnung angewiesen. Diese Schule wurde daraus in ein hinter der Gasthauskirche gelegenes Haus verlegt. Sie hat dort bis 1818, wo eine Klassenschule mit zwei Lehrern errichtet wurde, bestanden. Die größere Schule war bis 1813 in dem vorbezeichneten Hause. Dieselbe war indessen baufällig und für die stets wachsende Anzahl Kinder zu klein geworden. Da aber zu ihrer Erweiterung kein Raum vorhanden war, so gab die Kirche das neben der jetzigen Kaplanei liegende Haus unentgeltlich her, um als Schule  eingerichtet zu werden. Die Kosten dieser Einrichtung hat die Stadt bestritten. Der Bau der neuen Schule war im September vollendet. Am 5. September 1813 wurde sie eröffnet und am 7. September zuerst darin unterrichtet. Das alte Schulgebäude wurde zum Vorteil der Kirche in demselben Jahre verkauft.

 
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Außer den beiden vorgenannten  Volksschulen bestand bei der hiesigen Kirche noch eine Rektoratschule, worin u.a.  auch die lateinische Sprache bis Syntaris gelehrt wurde. Dieselbe hat bis 1798 bestanden. Der Rektor war immer ein Geistlicher, dieser wohnte in dem vorbezeichneten neben der Kaplanei liegenden Hause, in dem bis 1791 auch die Rektoratschule  gehalten wurde. Seitdem war sie in einem hinter der vorgenannten größeren Schule befindlichen Stübchen. Der letzte Rektor war Wolff, später Pfarrer zu Altcalcar, jetzt Officiant  der Stiftung Willemsen.

 

Im Monat Praireae Jahr 12, (Mai 1804) wurden in ganz Frankreich und auch hier in Calcar Stimmregister eröffnet, ob die Kaiserwürde an die Familie Napoleon Bonaparte übertragen und dieser demnächst als Kaiser der Franzosen ausgerufen werden sollte. Es waren hier 416 Stimmen für und keine gegen ihn.

Der Winter 1804/05 war sehr streng. Beim Auftauen des Eises am 7. Februar 1805 entstanden Durchbrüche in der oberhalb liegenden Deichlinie, wodurch die ganze Gegend überschwemmt wurde. Am 2. März desselben Jahres wurde die hiesige Gegend von neuem überschwemmt. Im Patersdeich  entstanden sechs Durchbrüche, wovon der bedeutendste nicht weit von der Grenze des Till-Moylandschen Deiches war. Auch entstand eine kleine Waye  in dem Ackerlande der katholischen Armen, der Windmühle gegenüber.

Durch das Gesetz vom 22. Fructidor 13  (9. Sept. 1805) wurde der republikanische Kalender abgeschafft und vom 1. Januar 1806 an wieder der Gregorianische Kalender eingeführt. 
Schon im Jahre 1803 wurde infolge des Gesetzes vom 15. und 16. Floreal Jahr 10 (5. und 6. Mai 1802) der Anfang mit dem Verkauf der Domänen und geistlichen Güter gemacht. Der Verkauf geschah zu Aachen in zwei Terminen. Die Kaufgelder mußten in 5 gleichen Raten gezahlt werden. Die erste Rate war nach 3 Monaten fällig; die vier anderen waren über die nächsten 4 Jahre verteilt. Anfänglich brauchten keine, später aber mußten 5 Prozent Zinsen gezahlt werden. Durch die ratenweise Zahlung wurde der Ankauf sehr erleichtert. Der holländische Morgen besten Weidelandes wurde anfangs für 5-600 Franken verkauft, denn die Kauflust
 
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war nicht sehr rege. Einige glaubten, es könnte wieder eine Staatsveränderung eintreten und die Ankäufer von Domänen ihres Rechtes für verlustig erklärt werden, andere machten sich ein Gewissen daraus, geistliche Güter zu kaufen, wieder andere meinten, es kämen so viele Güter zum Verkauf, daß die Preise eher fallen als steigen würden. Allein es trat gerade das Gegenteil ein, denn zuletzt stieg der holländische Morgen guten Weidlandes bis über 2000 Franken. Mancher hat großen Vorteil aus diesen Verkäufen gezogen.

 

Im Februar 1807 wurden die Stadt Calcar und deren Umgegend durch Hochwasser, das bei Wesel über die Deiche lief, überschwemmt.

Am 8. Oktober 1807 hat Seine Hochwürden Herr Marens Antonius Bardolet, Bischof von Aachen, die heilige Firmung in der hiesigen Pfarrkirche erteilt.

 

 Im Jahre 1808 wurde das Schieferdach, das ganz und gar verschlissen war, so daß eine Ausbesserung nicht mehr möglich war, vom Rathause abgenommen und dasselbe statt mit Schiefer mit blauen Ziegeln gedeckt. Diese Arbeit hat 1925 Franken gekostet. Die Dachrinne, welche bis dahin rund um das Rathaus ging, wurde bei dieser Gelegenheit an der Ostseite abgenommen und das Mauerwerk bis unter dem Dach abgebrochen, weil die Rinne verschlissen war und keine Mittel vorhanden waren, sie zu erneuern. 

Im Jahre 1808 wurde die Einimpfung der Kuh-oder Schutzpocken hier zuerst eingeführt. Der damalige Kantonspfarrer van Rossum erhielt von der Regierung eine Medaille, weil er sich so große Mühe gegeben hatte, die Vorurteile, die sich gegen die Impfung fast allgemein erhoben hatten, auszuräumen. Seit der Einführung der Impfung haben sich zwar von Zeit zu Zeit noch mal die natürlichen Blattern hier gezeigt, allein sie waren nicht so bösartig als sonst; auch wurden nur einzelne Personen davon befallen.

Die schrecklichste aller Überschwemmungen in der hiesigen Gegend war im Jahre 1809. Am 28. Dezember 1808 war der Rhein zugefroren. Am 11. Januar 1809 trat Tauwetter und am 13. Desselben Monats eine ebenso schnelle als furchtbare Überschwemmung ein, nachdem die Deiche zu Vynen, Obermörmter, Hönnepel, Till, Kellen und Griethausen durchbrochen worden waren. Am 14. Januar setzte plötzlich wieder Frost ein, der so stark war, daß der Rhein am 20. Januar wieder zufror und die 


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 weit überschwemmte Gegend mit einer dicken Eisdecke überzogen wurde. Am 25 Januar trat wieder Tauwetter ein und die Überschwemmung wurde noch schrecklicher als das erste Mal. Das Eis drohte alles zu zerstören und zerstörte auch wirklich alles, was sich seinem Laufe widersetzte. Viele Häuser wurden durch den Strom und das Eis fortgerissen und sehr viele stürzten ein. Eine ganz bedeutende Anzahl Vieh kam in den Fluten um. Das Wasser stieg  so hoch, daß es ungefähr die vierte Stufe der  i n n e r e n Treppe des Rathauses erreichte. Der Strom war selbst in der hiesigen Stadt so stark, daß man z.B. in der Altcalcarstraße Nachen nur mittels Taue, die man an den Häusern befestigt hatte, in die Stadt hineinziehen konnte. Steine wurden aus der Straße fortgerissen und Löcher darin getrieben. In Hanselaer waren de Gehm, de Gort, de Waye sowie die Gortsche Scheune eingestürzt und zum Teil samt Inhalt fortgerissen; alles Vieh war ertrunken. Auf der Waye hatten sich die Hofbewohner aufs Dach geflüchtet und hier eine ganze Nacht und den folgenden Tag um Hilfe gerufen, ohne daß   man ihnen wegen des starken Stromes und Eises zu Hilfe kommen konnte. Endlich gelang es nicht ohne Gefahr, sie zu retten, wobei sich der Müller Gerhard van der Grinten vorzüglich auszeichnete. Der Schaden in der Stadt Calcar, welche wegen ihrer Lage im Vergleich zu anderen Gemeinden verhältnismäßig wenig gelitten hatte, wurde auf 49466 Franken berechnet. Die ganze Deichlinie am Rhein war gewaltig beschädigt, der Paterdeich ganz vernichtet.


Mehrere sehr bedeutende Durchbrüche entstanden in den Deichen zu Vynen, Obermörmter, am Bolk zu Till und am Erfken, zu Kellen bei Schmitthausen und an der Spoy unweit Griethausen.  Hier wollte Johanna Sebus, die Tochter eines armen Tagelöhners aus Brienen, 17 Jahre alt, nachdem sie ihre alte Mutter  unter Lebensgefahr gerettet hatte, zum zweitenmale durch die Fluten waten, um einer armen Witwe und ihren drei Kindern zu Hilfe zu eilen. Bei diesem heldenmütigen Unternehmen ertrank sie aber mit ihren unglücklichen Gefährtinnen in den Fluten. Auf Veranlassung des damaligen Unterpräfekten  von Keverberg wurde ihr dort ein Denkmal errichtet. Hier am Monretor ertrank eine Frau aus Hanselaer mit ihrer Tochter, welche eine Kuh übers Eis auf den Berg zu treiben wollten; ferner ertrank ein Mann aus Calcar, der einen Botengang über das Eis nach Appeldorn machen 

 

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wollte. Es ist wirklich ein Wunder zu nennen, daß bei einem solchen außerordentlichen Naturereignisse nicht mehr Menschen umkamen. Am 27. Januar des Abend begann das Wasser zu fallen. Am 30. des selben Monats gegen Abend erhob sich ein starker Orkan, der zwar die ganze Nacht hindurch mehr oder weniger stark wütete, aber gegen 10 Uhr am stärksten war und der alles, was das Wasser verschont hatte, zu verwüsten drohte. Besonders fürchterlich war derselbe für diejenigen, welche vom Wasser noch nicht frei waren.  Bemerkenswert ist es, daß nach der Kölner Zeitung „Der Beobachter“ vom 7. Januar der Astronom Lamarque vorhersagte, daß  der Vollmond am 31. Januar „einen drohenden Umstand darbieten werde“.


Da die Deiche nicht so schnell wieder hergestellt werden konnten, wurde die Gegend am 14. September von neuem überschwemmt, wodurch  das Maß des Unglücks voll wurde. Die noch auf den Feldern wachsenden Früchte wie Kartoffeln usw. gingen fast ganz verloren, die gemähten wie Buchweizen, Hafer usw. wurden größtenteils durch den Strom fortgerissen. Selbst in den Häusern ward vieles von den eingeernteten Früchten beschädigt. Der Kaiser gab zur Unterstützung der von dieser schrecklichen Überschwemmung Betroffenen 500 000 Franken, wovon auf Calcar 14088 Franken 90 Centimen entfielen; außerdem waren durch Kollekten ungefähr 200 000 Franken eingekommen, welche größtenteils zum Ankauf von Baumaterialien für die bedürftigen Einwohner sowie zur Behebung sonstiger Wasserschäden verwandt wurden. Zum Glück für die Deichschauen hatte damals der Staat die Unterhaltung der Deiche übernommen und so wurden diese 1810 und 1811 wieder gut instand gesetzt. Die desfallsigen Kosten wurden aus dem Ertrage der zusätzlichen Centimen, die der Grundsteuer beigeschlagen, und über das ganze Departement verteilt wurden, bestritten. Wäre dieses nicht der Fall gewesen, so würden die Deichschauen schwerlich imstande gewesen sein, soviele Durchbrüche und Deichbeschädigungen auszubessern. Durch die Erfahrung und besonders durch die Überschwemmung von September 1809 darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es sei, die unterhalb Calcars liegenden Schauen durch einen Querdamm von den oberhalb liegenden Deichschauen zu trennen, kam man im selben Jahre auf den Gedanken, einen Querdamm hier bei Calcar vom Patersdeich bis auf die Anhöhe am Fuße des Berges 

 

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 anzulegen, um gegen Überschwemmungen, welche durch Durchbrüche in den oberhalb Calcars liegenden Deichen verursacht würden, geschützt zu sein. Calcar und sämtliche oberhalb liegenden Gemeinden protestierten gegen diese Anlage, weil dadurch der Abfluß  des Wassers gehindert werde, sie mithin bei Überschwemmungen desto größeren Gefahren ausgesetzt seien. Andererseits wurde geltend gemacht, daß zur Zeit noch nichts zur Ausbesserung der Durchbrüche in den Deichen oberhalb Calcars geschehen sei und es deshalb leicht geschehen könnte, daß wieder mitten im Sommer Überschwemmungen dort eintreten könnten, wogegen die unterhalb Calcars liegenden Gemeinden durch die Anlage des Querdammes geschützt seien. Die zuerst bezeichneten Gemeinden trugen deshalb darauf an, daß wenigstens vorher die Deiche oberhalb Calcar wiederhergestellt würden, alsdann möge die Anlage des Querdammes gestattet werden. Die Arbeiten hierfür wurden am 24 Oktober 1809 verdungen. Die unterhalb Calcars liegenden Deichschauen übernahmen die Kosten dieser Anlage. Später hat jedoch auch der Staat aus einem Fonds, aus dem auch die übrigen Deiche wiederhergestellt worden sind, einen Zuschuß geleistet. Im Laufe der Zeit ist die Beibehaltung dieses Querdammes dekretiert worden.


Am 6. Mai 1810 heiratete Napoleon die Erzherzogin Maria Louise von Oesterreich, nachdem er sich zuvor von seiner ersten Gemahlin Josefine hatte scheiden lassen. Es wurde aus diesem Anlaß am gleichen Tage in Calcar als Hauptort des Kantons ein verabschiedeter Militär namens Johann Theodor Linsen mit Katharina Verhaalen aus der Maire Till verheiratet. Derselbe erhielt vom Kaiser eine Heiratsgabe von 600 Franken. Es wurden deren 6000 in ganz Frankreich verheiratet.
Am 14. Januar starb Johann Theodor Berkemener, Lehrer an der hiesigen evangelischen Schule. Wegen körperlicher Schwäche und Altersbeschwerden hatte er aber schon seit 1804 sein Amt nicht mehr versehen können.
Durch Kaiserliches Dekret vom 19. Juli 1810 wurde die Stadt Calcar ermächtigt, zwei zu Altcalcar nahe bei der Kirche gelegene Ackergrundstücke von der evangelischen Gemeinde Calcar für 589 Franken 75 Cent anzukaufen. Der Kauf kam auch wirklich zustande und der Kaufpreis in der vorgenannten Höhe wurde aus städtischen Mitteln bezahlt. Das eine Grundstück, welches in 

 
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der neuen Karte Flur 4 Art. 156 und 157 verzeichnet und 169 Ruten 50 Fuß groß ist, sollte teils als Garten, teils als Bauplatz für das Haus des Pfarrers von Altcalcar dienen. Das andere Grundstück war für einen neuen Kirchhof bestimmt. Da es aber zu weit von der Stadt und dazu außerhalb der Pfarre Calcar lag, ist das Projekt nicht zur Ausführung gekommen. Die Stadt hat daher das ganze Grundstück zu zwei Gärten eingerichtet und verpachtet. Im Jahre 1824 wurde ein Garten katholischen Schule zur Anlage einer Baumschule überwiesen, der andere aber nach wie vor verpachtet.
Am 20. März 1811 wurde dem Kaiser Napoleon ein Sohn geboren, der die Namen Napoleon Franz Josef und den Titel „König von Rom“ erhielt.

 

Der Sommer des Jahres 1811 war äußerst angenehm und so fruchtbar, als man sich nur wünschen konnte. Alle Saaten standen üppig und versprachen außerordentlich guten Ertrag; an Gemüse war Ueberfluß. Indessen war die Körnerfrucht ganz mißraten. Der Wein dieses Jahres aber war so vorzüglich, daß er noch lange Jahre nachher gerühmt wurde. 

 Am 31. Oktober 1811 passierten der Kaiser Napoleon und die Kaiserin Maria Louise unser Gebiet. Die Majestäten kamen aus Holland und nahmen ihren Weg über die alte Landstraße. Da sie aus dieser Reise von fast sämtlichen Ministern begleitet wurden, war das kaiserliche Gefolge sehr groß. Dieses geht daraus hervor, daß auf dem Calcarerberg, wo am alten Posthause ein Relais angeordnete war, 500 Vorspannpferde aus den benachbarten Gemeinden in Bereitschaft standen und dennoch fehlte es an Pferden, als abends die letzten Wagen eingetroffen waren. Der Zug dauerte aber auch von 3 Uhr nachmittags, als der Kaiser ankam, bis Abend spät. Er saß mit dem Marschall Berthier in einem besonderen Wagen und unterhielt sich, während dem die Pferde gewechselt wurden, mit dem Maire der Stadt, von dem er bewillkommnet  worden war, über die Zahl und den Gewerbefleiß der Einwohner usw. Als der kaiserliche Wagen die unweit des alten Posthauses befindlichen Anhöhe hinauffahren wollten, zerrissen mehrere Male die Pferdestränge, wodurch ein Aufenthalt von mehr als einer Viertelstunde entstand. Die Kaiserin, die mit der Gemahlin des Marschalls  Lanaes in einem Wagen saß, wurde bei ihrer Ankunft ebenfalls von dem 

 
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Maire bewillkommnet und die Töchter des Friedensrichters Raab überreichten ihr einen Blumenstrauß. Es wurde ihnen ein Geschenk zum Andenken versprochen, das jedoch nie hier angekommen ist. Der Kaiser fuhr noch am selben Tage bis Wesel, die Kaiserin bis Rheinberg. 

 

Am 2. Dezember 1811 starb Herr Christian Cornudus. Er war der erste fundierte Kaplan an der hiesigen Kirche und ein sehr eifriger Herr in Erfüllung seiner Amtspflichten.

Der Winter 1811/12 war sehr gelinde und die Vegetation währte ununterbrochen fort.

 

In diesem Winter war in unserer Gegend ein Regiment Carbiniers einquartiert; auch in Calcar lag eine Abteilung. Von diesen Regimentern zählte die französische Armee nur zwei. Die Franzosen nannten diese schönen Regimenter  „Ies Regiments favorits d l`Empereur“ Im März 1812 marschierte das hier einquartierte Regiment nach Polen, um gegen Rußland zu Felde zu ziehen. Die meisten Soldaten, von denen viele Polen aus den Jahren 1805/06 kannten und es das „Läuseland“ nannten, hatten einen Abscheu  gegen den Marsch nach Polen. Es war, als hätten sie schon ein Vorgefühl von dem Unglück gehabt, das ihnen bevorstand.

Die Treppe vor dem Eingang des Rathauses war vorher so gebaut, daß der Ausgang an beiden Seiten derselbe war. Im Jahre 1812 wurde diese alte Treppe abgebrochen und eine neue gebaut, die nur einen Aufgang hat. (Es ist dies die jetzige Treppe).
Im Juni 1812 brachen die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Rußland aus. Die große Armee der Franzosen, eine, wie man sagte, der zahlreichsten und schönsten, welche Europa bis dahin gesehen hatte, brach aus dem Großherzogtum Warschau, wo sich die Truppe gesammelt hatten, hervor. Oesterreich, Preußen und die deutschen Staaten waren Alliierte Frankreichs und hatten Hilfstruppen zu stellen. Nach vielen Gefechten und Schlachten drangen die Franzosen bis Moskau vor und wollten hier die Winterquartierte beziehen. Allein die Russen, die bei ihrem Rückzuge  alles fortgeschafft oder zerstört hatten, um den Franzosen nichts zu lassen, zündeten Moskau an. Die große Stadt wurde ganz eingeäschert und die Franzosen sahen sich zum Rückzug gezwungen. Der Winter stellte sich sehr früh ein und die Kälte war außerordentlich groß. Auf dem Rückzug litt die Armee entsetzlich durch Kälte,
 

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 Schnee und Mangel an Lebensmitteln. Beim Uebergang über die Beresina im Monat November erlitt die Armee eine gänzliche Niederlage  und von der großen, schönen Armee waren nur wenige, die Polen wieder erreichten. Preußen, Oesterreich und die deutschen Staaten rückten nach und nach von Frankreich ab und die Franzosen hatten sich allmählich bis hinter die Elbe zurückgezogen. Die früheren Alliierten Frankreichs wurden nun Alliierte Rußlands. Im Sommer 1813 fanden noch mehrere Schlachten und Gefechte zwischen den Franzosen und den Alliierten mit abwechselndem Glücke statt, bis die ersten in der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober völlig geschlagen und zum Rückzuge über den Rhein gezwungen wurden. So kamen im November  1813 die Trümmer der französischen Armee nach hier zurück.


Von Mitte November bis zum Abzug der Franzosen war Calcar anhaltend mit Truppen belegt. Der kommandierende General der französischen Truppen der hiesigen Gegend war der Marschall Macdonald, Herzog von Tarente. Er hatte sein Hauptquartier zu Cleve. Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1813 fielen die Kosaken bei Grieth und Rees über den Rhein, zogen sich aber am gleichen Tage wieder zurück. Ein Kommandant und ein Wachtmeister der hier liegenden Lanzenreiter, die zum Rekognoszieren ausgeritten waren, sich aber zu weit gewagt hatten, wurden bei dieser Gelegenheit im Mühlenfelde bei Niedermörmter nach einem Gefechte, worin beide verwundet worden waren, von den Kosaken gefangen genommen.

Am 5. Januar 1814 morgens gegen 7 Uhr zogen die letzten Franzosen hier ab. Es war eine Abteilung Lanzenreiter. Sie wollten durch das Altcalcartor auf dem gewöhnlichen Wege nach Uedem reiten. Als sie aber am Tore anlangten, war dasselbe noch verschlossen und die Schlüssel, die jeden Abend zur Wache gebracht werden mußten verlegt. Sie ritten schleunigst auf dem kürzesten Wege an der Kirche vorbei über die Herrenstraße  zum Monretor  und verließen durch dieses die Stadt. Das Hauptquartier der Franzosen wurde um die nämliche Zeit von Cleve nach Geldern verlegt. Die Franzosen lagerten noch einige Tage an der Niers, zogen dann aber nach Venlo und weiter nach Frankreich zurück, ohne daß in der hiesigen Gegend das kleinste Gefecht gewesen ist.

 
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 Am 6. Januar 1814 kamen die ersten Kosaken hier an. Es war ein Trupp von etwa 100 Mann. Sie kamen von Rees und ritten nach Cleve, kehrten aber gegen Abend wieder nach Rees zurück. Bis dahin war immer noch eine Herbstwitterung. Sonderbarerweise stellte sich an diesem Tage aber die Kälte ein, sodaß man zu sagen pflegte, die Kosaken hätten den Winter mitgebracht. Am 7. Januar traf wieder eine Abteilung Kosaken in Stärke von etwa 400 Mann, von Rees kommend, hier ein. Sie blieben den ganzen Tag über hier und schickten Patrouillen nach Uedem, wo sich von Zeit zu Zeit noch Franzosen sehen ließen. Sie hatten sich auf dem Markte gelagert und ihre Pferde angebunden. Auf dem Rathause wurde eingeheizt und ihnen zu essen und zu trinken gegeben. Jeder Einwohner beeilte sich, etwas dorthinzubringen, weil niemand die Kosaken, vor denen jeder Angst hatte, gern im Hause haben wollte. Indessen  hatten sie sich doch in mehreren Häusern am Markt einquartiert; die übrigen Häuser in der Stadt blieben aber fast alle verschont. Die Kosaken zogen abends gegen 6 Uhr nach Xanten ab. Sie waren sehr unmäßig im essen und trinken, haben hier aber nicht die geringsten  Expresse gemacht. Einige Tage später kamen des Abends einige hundert Kosaken, von Rees kommend, hier durch die Stadt; sie zogen nach Cleve, wo sie lange einquartiert gewesen sind. 


Gegen Mitte Januar erhielt der Maire von Calcar die amtliche Mitteilung aus Rees, daß in wenigen Tagen 6000 Kosaken bei Rees über den Rhein gehen und über Calcar weiter nach Frankreich marschieren würden. 
Bis daher waren alle Gewässer noch offen. Mit dem 6. Januar hatte aber die Kälte eingesetzt und diese stieg in solchem Grade, daß der Rhein in sehr kurzer Zeit voller Eis war. Am 16. oder 17. Januar stellte sich das Eis im Rheine an mehreren Stellen und das Wasser stieg dabei dergestalt, daß es über alle Sommerdeiche am Kalflak lief und die Kronen der Banndeiche erreichte. Zu Niedermörmter bei Loeraas entstand ein bedeutender Durchbruch. Die Gegend zwischen Calcar und Rees wurde ganz überschwemmt. Der Querdamm bei Calcar, wo das Wasser oben auf dem Deiche stand, hielt zwar noch, aber weil der Durchlaß fehlerhaft war, wurde er zum Teil fortgerissen und ein Durchbruch würde sicher entstanden sein, wenn er durch die geöffneten Verteidigungsarbeiten
 

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 nicht verhindert worden wäre. Als die ganze Gegend um Calcar tief und bis an die Krone der Deiche unter Wasser stand, fror alles zu, so daß die ganze Gegend eine einzige Eisdecke war. Alle erinnerten sich noch mit Schrecken der Verwüstungen von 1809, denn man befürchtete nicht ohne Grund, daß beim Losbrechen des Rheines Eis und Strom wieder alles verwüsten würde. Doch tröstete man sich damit, daß man von den  Kosaken, vor denen alle einen großen Schrecken hatten, befreit würde. Indessen hatte die Vorsehung es anders und besser beschlossen. Das Wasser fiel unter dem Eis weg, der Rhein blieb bis gegen den 20. März stehen und das durch die Kraft der Sonne morsch gewordene Eis sank und verschwand, ohne daß der Rhein aus den Ufern trat. Das Eis lag hier so hoch, das man sich Ende März mit Aexten den Weg in der Viehstege unweit des „Ritters“ bahnen mußte, um  mit einem Fuhrwerk durchzukommen und an manchen Stellen, wo es der Sonne nicht zu sehr ausgesetzt war, blieb es weit bis in den Monat April hinein liegen.


Im Januar 1814 kam von Nymegen der Königl. Preuß. Major von Reiche Kommandeur eines freiwilligen Jägerbataillons in Cleve an, der mittels Proklamation vom 19. desselben Monats im Namen der Alliierten Besitz vom Lande nahm. Er schrieb sofort eine schwere Requisition zur Bekleidung seines Bataillons aus, auch errichtete er ein kleines Korps Infanterie und Kavallerie, wozu jede Bürgermeisterei  16 Mann für die erst- und 6 Mann für die letztgenannte Waffengattung samt Pferden, Montierungs- und Armierungsstücken liefern mußte. Durch diese Requisition wurden manche Familien wegen der zu stellenden Mannschaften in große Verlegenheit gebracht und den Gemeinden große Kosten verursacht. Es kam in manchen Gemeinden zu unangenehmen Austritten, weil vorzugsweise alle jene Leute eingestellt werden sollten, welche aus den französischen Diensten zurückgekehrt waren. Sie hielten diese Verordnung aber für unrecht und an manchen Orten widersetzten sie sich. Diese Korps hatte die Belagerung von Venlo mitgemacht; es war nur mit Picken und Lanzen bewaffnet. Später wurde es aufgelöst.
Unterdessen waren die Siegreichen Heere bis Paris vorgedrungen und am 1. März 1814 ergab sich diese Stadt. Napoleon wurde entthront und nach der 

 

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 Insel Elba verbannt. Infolge des Pariser Friedens vom 30. Mai 1814 mußte Frankreich auf alle früheren Eroberungen verzichten. Zu Aachen wurde ein Generalgouverneur in der Person des Herrn Sack, eines geborenen Clevers, eingesetzt, der die Länder am linken Rheinufer unter dem Namen eines Gouvernements vom Niederrhein für Rechnung der Alliierten  verwaltete. Anstelle der Präfekten wurden Gouvernementskommissare und an stelle des Unterpräfekten Kreisdirektoren eingesetzt. Jedes Kanton erhielt einen Kantonskommissar, die Gemeindeeinteilung blieb aber wie sie war, nur erhielten die Maire die Bezeichnung “Bürgermeister“ und die Mairien die Bezeichnung „Bürgermeistereien“. Nach dem Pariser Frieden blieben die Länder diesseits des Rheins stark mit Truppen belegt, wahrscheinlich deshalb, weil man den Franzosen nicht traute. Hier im Kanton war das Elberegiment, von dem der Stab in Calcar lag, von Juli bis Dezember einquartiert, alsdann wurde es nach Emmerich und Umgebung verlegt. Die Einwohner haben durch diese Einquartierung sehr gelitten und die Quartiergeber konnten auch die zehn Stüber nicht trösten, die sie für jeden Soldaten erhielten, weil der Unterhalt der Truppen viel kostspieliger war und sie vielen Unannehmlichkeiten durch die Soldaten ausgesetzt waren.

 

Im März 1815 landete Napoleon von Elba zurückkehrend, wieder in Frankreich und vertrieb den König Ludwig XVIII. Die Alliierten rückten wieder gegen die Grenzen Frankreichs vor und am 18. Juni kam es bei Waterloo zur Schlacht worin Napoleon gänzlich und endgültig überwunden wurde. Die Alliierten besetzten Paris zum zweiten Male, Napoleon wollte nach England flüchten wurde aber angehalten und als Gefangener nach der Insel Helena abgeführt. Nach der Landung Napoleons wurde hier die Landwehr zum ersten Male aufgerufen; sie war im Nu organisiert und setzte sich in Frankreich in Marsch. Infolge der im Frühjahr gepflogenen Verhandlungen des Wiener Kongresses sind die hiesigen Länder der Krone Preußens anheimgefallen. Nach dem Allerhöchsten Patent d. d. Wien, den 5. April 1815 hat S. M. Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, Besitz der hiesigen Provinzen genommen und am 15. Mai desselben Jahres fand die feierliche Huldigung statt.
Im April 1815 wurde der Kantonalpfarrer Gerhard van Rossum von Calcar nach Cleve versetzt. 

 

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An seine Stelle kam Herr Philipp Jakob Josef Deboeur; er wurde am 5. April eingeführt, hatte aber schon einige Wochen vorher Dienst getan. 
Im März 1816 wurde das General-Gouvernement, welches seit dem 1. März 1814 bestanden hatte, aufgehoben und die Provinz Jülich, Cleve und Berg errichtet. Sie wurde in drei Regierungsbezirke nämlich Köln, Düsseldorf und Cleve geteilt. Die Bezirke zerfielen wieder in Kreise und Calcar kam zum Kreise Cleve. Die Bürgermeistereien aber blieben, wie sie gewesen waren.
  Das Jahr 1816 war eines der unglücklichsten für die hiesige Gegend. Die Monate April und Mai waren sehr unfreundlich und kalt. Vom Anfang des Monats Juni bis in den Dezember hinein war das Wetter kalt und naß und ein fast anhaltender Regen schien alles verderben zu wollen; selbst bei hellem Wetter, wo man es nicht erwarten sollte, viel Staubregen. Der Regen ergoss sich oft tagelang in solch starken Güssen, daß man hätte glauben sollen, es stände ein neue Sündflut bevor. Am stärksten war er in der Nacht vom 5. zum 6. August wo er einen wahren Wolkenbruch glich. Die ganze Zeit hindurch sah man die Sonne nie oder doch nur selten; dabei war es so kalt, das die Oefen geheizt werden mußten. Durch den anhaltenden Regen waren alle Gewässer so angeschwollen, dass nicht nur die niedrig liegenden Gründe überschwemmt wurden, sondern selbst die Sommerpolder in Gefahr waren überschwemmt zu werden. Das Wasser stieg am 7. Juli am höchsten, es zeigte hier am alten Pegel  17 Fuß 2 Zoll. Es blieb zwar nicht immer gleich hoch, doch hatte es fortwährend eine bedeutende Höhe und stieg bis die Zeit des Neumondes immer am höchsten. Die Weiden um Calcar standen den ganzen Sommer hindurch tief unter Wasser. Der Reeserweg am Hanselaertor war damals noch sehr niedrig und es mußte ständig mit einem Nachen übergesetzt werden. Als im Monat Juni die Weiden zum ersten Male überströmt wurden, entstand in wenigen Tagen  -man meinte durch Fäulnis des Grases-   ein sehr übler Geruch, das Wasser war wie verfault, die Fische krepierten darin und lagen in Menge auf der Oberfläche. Im Juli, wo das Wasser, wie oben gesagt, seinen höchsten Stand hatte, war der Bovenholt in Gefahr, einzulaufen. Das Ueberlaufen des Wassers wurde zwar noch mit vieler Mühe verhindert, 

 
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allein durch das Quell-und Regenwasser wurde der Polder doch fast ganz überschwemmt wie dies bei allen Sommerpoldern der Fall war, weil die Schlusen meist verschlossen waren und das Quell-und Regenwasser keinen Abfluss hatte. Not und Elend stiegen für Menschen und Vieh aufs höchste, denn es war ein allgemeiner Mißwachs. Das Korn in den Aehren, der Klee, das Stroh auf den Feldern, das Gras in den Weiden, kurz alle Früchte waren wie verfault und nichts kam zur völligen Reife. Weizen, Roggen, Gerste usw. waren fast wie Krins und ohne Substanz. An manchen Orten aßen weniger bemittelte Leute das, was sonst gewöhnlich als Viehfutter diente und das Vieh wurde in Mengen aus den Niederungen auf die Anhöhe getrieben, um dort in den Wäldern Nahrung zu suchen.  Alles stieg im Preise,  ein Pfund Butter z.B. kostete ungefähr 30 Stüber, das Schweinefleisch wurde in der Schlachtzeit mit 10 bis 12 Stüber pro Pfund und darüber bezahlt, die Kornfrüchte hielten sich noch einigermaßen im Preise, weil noch Vorrat aus den vorhergehenden Jahren vorhanden waren und stiegen erst im Jahre 1817 bedeutend. Doch waren auch schon 1816 die Preise nicht gering. Es kostete in clevischem Gelde

 ein Berliner Malter Weizen  25 Reichstaler
 ein Berliner Malter Roggen  20 Reichstaler
 ein Berliner Malter Gerste  12 Reichstaler
 ein Berliner Malter Buchweizen  19 Reichstaler

 

 ein Berliner Malter Hafer  7 ½ Reichstaler

Im Sommer 1816 wurde mit dem Bau der neuen Kaplanei bei der hiesigen katholischen Kirche begonnen und 1817 vollendet. Die Baukosten sind ganz aus Kirchenmitteln bestritten worden. Es standen an deren Stelle früher zwei Häuser, die zu den Kirchenstiftungen gehörten. Das eine war von dem Organisten Boßmann gemietet, das andere seit einigen Jahren eingestürzt.
Im Jahr 1816 wurde in Altcalcar ein neues Pfarrhaus gebaut. Es war dort bisher noch keine Wohnung für den Pfarrer vorhanden. Die Baukosten wurden teils durch freiwillige Spenden der Pfarreingesessenen, teils durch Kollekten aufgebracht. Trotz aller Spenden usw. blieben aber noch 240 Taler Schulden; sie wurden später durch die Gemeindekassen in sechs Raten, also mit 40 Taler jährlich getilgt. Das Grundstück, auf dem das Pfarrhaus gebaut worden ist sowie der zugehörige Garten, wurden, wie schon vorher erwähnt, durch die 

 

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Stadt von der evangelischen Gemeinde abgekauft und die Kaufsumme aus der Gemeindekasse bezahlt.  
Im Jahre 1817 stiegen die Preise für Kornfrüchte aufs höchste, denn die Ernte im Jahre 1816 war ganz mißraten  und es war kein Vorrat vorhanden. Als die Preise am höchsten waren, kostete im clevischem  Gelde ein Berliner Malter Weizen 37 Reichstaler, Roggen 28, Gerste 20 ½ , Buchweizen 27 und Hafer 12 Reichstaler.
Der hiesige Notverein kaufe u.a. aus den erhaltenen Unterstützungsgeldern für die Notleidenden der Stadt bei dem Landwirten Lambert Willemsen hierselbst. 100 Sack Kartoffeln und zahlte dafür etwas 600 Reichstaler clevisch, also ungefähr 6 Reichstaler pro Sack. Es war dies aber noch ein Vorzugspreis, denn die Kartoffeln standen zu der Zeit wesentlich höher im Preise. Es läßt sich denken, wie groß die Not war und ohne Zufuhr von fremden, besonders  ostmärkischen Roggen, welcher  in großen Mengen, teils durch Kaufleute, teils durch die Fürsorge der Regierung über Holland eingeführt wurde, wäre kein Getreide mehr für Geld zu haben und das Elend unbeschreiblich gewesen. Es zeigte sich bei dieser Teuerung, welchen Wert die Kartoffel als Volksnahrungsmittel besitzt. Sie half viel aus in der Ernährung der Bevölkerung und ohne sie wäre es trotz der Getreidezufuhr zu einer ausgesprochenen Hungersnot gekommen. Das Brot war so selten, daß die Bäckereien schon von einer Menge Menschen belagert war, ehe es gar war und man drängte sich, um etwas zu erhalten. Die Königliche Regierung zu Cleve tat in diesen Zeiten der allgemeinen Not sehr viel für die Notleidenden und unterstützte sie nach Kräften aus den anderen Gegenden, besonders aus den östlichen Provinzen der Monarchie, die von den Unglücken des Jahre 1816 verschont geblieben waren, eingegangenen Unterstützungsgelder. Die Unterstützungen, welche unsere Bürgermeisterei erhielt, waren bedeutend. Mit größtem Dank muß man der bedeutenden Sendungen  von Roggen aus dem Osten gedenken, die durch die väterliche Fürsorge Sr. Majestät des Königs hierhin befördert wurden und in den Monaten Mai und Juni hier eintrafen, zu einer Zeit, als die Not am größten war. Dieser Roggen wurde zwar nicht unentgeltlich verteilt, allein jeder Notleidende konnte zu einem billigen Preise davon kaufen. Auch war es den in jeder Bürgermeisterei gebildeten Hilfsvereinen gestattet, so viel von diesem Roggen zu einem bestimmten

 

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Preise einzukaufen, als nach der Kopfzahl der Bevölkerung erforderlich war.
Am 30. Oktober 1816 wurde auf Anstehen der Armenverwaltung die Gasthaus-Kirche an Peter Langen für 2140 Franken öffentlich verkauft und zugeschlagen.
Am 16. März 1817 stieg das Wasser, welches seit dem 1. desselben Monats im Wachsen begriffen war, hier am Pegel bis 19 ½, so daß dasselbe über die Deiche lief, wodurch Calcar und Umgegend überschwemmt wurden. 
Im Jahre 1817 wurde die St. Nikolai-Pfarrkirche geweißt. Dies war seit 1743 nicht mehr geschehen und daher ein dringendes Bedürfnis.

 

In demselben Jahre wurden die Bögen über den Mittelgraben an der Fattjesbleiche, an beiden Seiten des Rathauses, und an der Klostersteege von Grund aus repariert und fast ganz erneuert. Die übrigen beiden wurden einige Jahre später in derselben Weise ausgebessert. 1817 wurde Herr Kaplan Aretz als Pfarrer nach Qualburg versetzt. An seine Stelle kam Herr Bernard Coenders als Kaplan nach Calcar.

Die Lehrerstelle an der hiesigen evangelischen Schule, die seit dem Tode des Herrn Berkemeyer unbesetzt war, wurde in diesem Jahre dem Herrn Martin übertragen.
Im Jahre 1818 wurde die hiesige katholische Schule zu einer Klassenschule eingerichtet und ein zweiter Lehrer angestellt, weil die Zahl der die Schule besuchenden Kinder immer größer wurde. Mit dieser zweiten Lehrerstelle wurde die Organistenstelle verbunden. Die damalige, im Jahre 1813 erbaute Schule wurde als Wohnung für den ersten Lehrer eingerichtet und die danebenliegende Wohnung, welche bis dahin der erste Lehrer gehabt, wurde die Wohnung des zweiten Lehrers. Die Kirche gab nun das zwischen dieser Wohnung und dem Garten des Herrn Schniewind----jetzt Pastorat----liegende Haus, das der Kirchenmagd als Wohnung diente, zum Bau einer neuen Schule mit zwei Schulzimmern unentgeltlich her. Die Kosten sowohl der Einrichtung der Wohnung des ersten Lehrers als des Baues der Schule wurden aus Kirchenmitteln bestritten. Die Mauer, welche an der Südseite des Kirchhofs stand, wurde abgebrochen und die Steine zum Bau der neuen Schule gebraucht. Als zweiter Lehrer wurde Herr Franz Anton Kautz ernannt.

 

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Der Garten hinter der Schule und den beiden Wohnung der Lehrer gehörte zu der bei der Katholischen Kirche hierselbst bestehenden Anniversarien- oder Präsens-Stiftung . Diesen hatte der Organist Bosmann in den letzten Jahren in Pacht gehabt. Der Garten hinter der Kaplanei und der Küsterei, welchen der Küster in Pacht hatte, gehörte der Kirche. Es wurden diese beiden Gärten, nun dergestalt verteilt, daß derjenige Teil, welcher hinter der Küsterei liegt, dem Kaplan und der andere Teil den beiden Lehrern in Benutzung gegeben wurde, ohne daß die Kirche oder Anniversarienstiftung dafür entschädigt wurde.
Im Jahre 1818 wurden die Gebäulichkeiten der Bürgermeisterei neu nummeriert.

 

Im März und April 1818 stand das Wasser fast immer bei Nr. 15 des hiesigen Pegels und im Mai stieg es bis 17, die niedrig gelegenen Weiden am Kalflak und an der Ley wurden zwar unter Wasser gesetzt, doch kam es zu keiner größeren Überschwemmung.

Am 5. Juli brannten drei den kath. Armen gehörige, in der Serviettensteege gelegene Häuser ab.
Am 8. August 1818 starb Herr Theodor van Heek, letzter Pfarrer von Hanselaer. Derselbe hat bei der hiesigen Pfarrkirche zwölf Bruderschaftsmessen gestiftet, wobei Brot an die der Messe beiwohnenden Armen aus Calcar, Altcalcar und Hanselaer gespendet werden muß. Daß die Armen von Hanselaer hieran beteiligt sind, hat keinen Grund darin, daß der Stifter selbst Pastor in Hanselaer und sein Bruder Pastor in Altcalcar gewesen ist.
Am 11. Dezember 1818 trat sehr heftiger Frost ein, der bis zum 8. Januar 1819 dauerte. Der Rhein war nahe daran, zuzufrieren, er stellte sich aber nicht.
Die Kornpreise waren im Jahre 1818 noch hoch. Es kostete ein Berliner Malter Weizen 24 ½  Reichstaler ( clevisch), Roggen 17, Gerste 11, Buchweizen 13, Hafer 8 Reichstaler.

 

Im Jahre 1818 betrug die Einwohnerzahl von Calcar 1537, von Altcalcar 521, zusammen die Bürgermeisterei Calcar 2058.

In der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1819, also mitten im Winter, wütete hier ein starker Sturm, der von Blitz und Donner begleitet war.
Im Jahre 1819 wurde Herr Stockfeld als Prediger bei der hiesigen evangelischen Gemeinde angestellt. 

 
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Im selben Jahre wurde die Monrestraße vom Markte bis zum Ende neu gepflastert. Die Kosten beliefen sich auf 515 Taler, 23 Sgr. 5.Pfg. Im gleichen Jahre wurde Herr Kaplan Coenders zum Pfarrer von Niedermörmter ernannt und es kam an seine Stelle Herr Caspar Misbach.
Im Jahre 1819 hat die jüdische Gemeinde die evang. Kirche von der evang. Gemeinde angekauft, um sie als Synagoge einzurichten. Es lag dieses Gebäude in der Hanselaerstraße und war nur ein Kirchenhaus ohne Turm. (Es ist dies  die noch heute benutzte Synagoge.)
In diesem Jahre richteten die Mäuse in der Rheinniederung großen Schaden an.
Ferner wurde im Jahre 1819 der neue Kanal bei Grieth angelegt; er hatte aber nur eine Breite von 10 Ruten.
Die Kornpreise, besonders der Weizenpreis, hatten eine Senkung erfahren. Es kostete: ein Berliner Malter Weizen 16 Reichstaler (clevisch), Roggen 15 ½ Reichstaler, Gerste 12 ½  Reichstaler, Buchweizen 12 ½  Reichstaler, Hafer 6 ½ Reichstaler.
Bei der neuen Organisation der Friedensgerichte im Jahre 1819 wurde das seit der ersten Organisation unter der französischen Verfassung hier bestehende Friedensgericht aufgehoben. So verlor Calcar, das in vorigen preußischen Zeiten vor allen anderen Städten in hiesiger Gegend das Privilegium hatte, einen eigenen Richter zu haben, das Gericht. Die Stadt hat sich zwar alle Mühe um Beibehaltung des Friedensgerichts gegeben und sich dieserhalb zuerst an den damaligen Organisationskommissar Sethe zu Köln und später an das Königliche Ministerium in Berlin gewandt, aber alle Bemühungen waren vergeblich. Calcar gehörte seitdem zum Friedensgericht Goch.

 


Am 27. Dezember 1819 wurde Calcar sowie die Bürgermeistereien Appeldorn und Grieth überschwemmt. Nach 4 Tagen begann es zu fallen. Neujahr trat ein starker Frost ein, der bis zum 18 Januar 1820 dauerte. 
Im Jahre 1820 wurde Herr Berchter an die Stelle des nach Budberg versetzten Herrn Martin als Schullehrer bei der hiesigen evangelischen Gemeinde angestellt. In demselben Jahre wurden die drei Chöre der Katholischen Kirche mit neuen geschliffenen Steinen belegt und der Bodenbelag in der ganzen Kirche aufgenommen und neu verlegt. Im gleichen Jahre wurde noch ein zweiter Hülfsgeistlicher 

 

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oder Kaplan bei der hiesigen kath. Kirche angestellt und Herr Mott dazu ernannt. Herr Pfarrer Wolff aus Altcalcar wurde nach Overzier versetzt.
Im Jahre 1820 wurde ein neues Spritzenhäuschen an der Kath. Kirche auf Kosten der Stadt gebaut unter der Bedingung, daß diese daraus kein Recht für sich folgern könne, sondern das Spritzenhaus,  wenn es von der Kirche verlangt werde, fortschaffen müsse.
Am 9. Mai 1820 gegen 5 Uhr nachmittags spürte man längst des Berges zu Altcalcar eine Art Wirbelwind, der so heftig war, daß er eine Scheune auf Haus Horst nicht nur niederriß, sondern das Dach noch mehrere Meter weit forttrug. Mehrere Glasscheiben am Gutshofe wurden durch den Druck zertrümmert, 3 Schafe kamen bei dieser Gelegenheit zu Tode, eins wurde verwundet.
Am 13 Mai 1820 gegen 7 Uhr abends schlug der Blitz in eine Scheune an der Wallstraße, die dem Goldarbeiter Franz  Buis gehörte, ein; sie brannte ganz ab.

 Schon am 17. November 1820 fiel sehr viel Schnee, der aber nach einigen Tagen wieder verschwand. Am 23. Dezember trat ein so starker Frost ein, daß der Rhein in wenigen Tagen zugefroren war. Am 7. Januar 1821 stellt sich ein gelindes Tauwetter ein und das Eis im Rhein verschwand, ohne daß es zu einer Überschwemmung gekommen ist.

 

Am 17. Dezember 1820, einem Sonntage, wurde der neue Kirchhof am Altcalcartore durch den Pfarrer Deboeur eingeweiht. Am 7. Januar 1821 wurde die erste Leiche darauf beerdigt. Der Verstorbene hieß Gerard Scheepers, ein Weber und Tagelöhner, der noch wenige Tage vorher an der Einrichtung des neuen Friedhofes mitgeholfen hatte.

Am 26. Juli 1820 wurden 50 Morgen 293 ¾  Ruten von den Gemeindeweiden zur Tilgung der Gemeindeschulden verkauft. Es lagen diese Gründe zwischen dem Reeserwege und dem Wege von der Oybrücke nach Appeldorn, nur die sogenannte Roermonds- und die Ferkesweide  behielt die Stadt für sich. Dieser Verkauf brachte ein 30932 Taler 15 Sgr. Die Schulden der Stadt beliefen sich zur Zeit auf 30927 Taler 29 Sgr. 3 Pfg., nämlich alte oder verzinsbare Schulden 23703.17,3 Thr., neue oder unverzinsbare  Schulden, welche beim Einzuge der Franzosen gemacht worden waren 2767,5 Thlr., Zinsen-Rückstände 4455,7 Thlr., Summe wie vor
 

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 30927,29.3 Thlr., welche mittels der Einnahmen aus dem Verkaufe der vorbezeichneten Grundstücke und der sonstigen außergewöhnlichen Einnahmen der Jahre 1821-1823 gänzlich getilgt wurden.
In Folge der von seiner Majestät dem Könige am 23. Aug. 1821 sanktionierten Bulle d.d. Rom, 16.08.1621, die Einrichtung und Begrenzung der Erzbistümer und Bistümer der kath. Kirche im Preußischen Staate betreffend, wurde das Bistum Aachen aufgehoben und Calcar dem Bistum Münster zugeteilt.
Im Jahre 1821 wurde das Schulhaus nebst der Schule der evangelischen Gemeinde neu gebaut. Die Baukosten sind durch freiwillige Gaben der Pfarrgenossen und durch Kollekten zum größten Teil gedeckt worden. Doch hat auch die Stadt 100 Taler beigesteuert. Von der Stiftung Herzbach erhielt die evang. Gemeinde  50 Taler geschenkt, welche zum Schulneubau verwendet worden sind.

 

 Der Winter 1821/22 war sehr gelinde. Im Dezember 1821 sah man Bäume in Knospen und Blüten stehen und es war keine Seltenheit, daß man die Lerche wie im Frühling trillern hörte.

Im Februar 1820 wurde der Stadt amtlich angezeigt, daß seine Majestät der König geruht habe, den Einwohnern von Pfalzdorf den sogenannten Calcarwald liegend zwischen Altcalcar, Moyland, Schneppenbaum, Keppeln und dem Wege von Calcar nach Goch in Erbpacht zu geben. Es hatten die Einwohner von Altcalcar, Schneppenbaum und Keppeln seit undenklichen Zeiten das Recht, in diesem Walde Heide zu hauen und ihr Rindvieh  zu weiden. Unter der französischen Regierung wurde ihnen dieses Recht bestritten, weil sie sich durch keine Urkunde darüber ausweisen konnten. Indessen blieben sie fortwährend im Genusse dieses Rechtes, bis sie endlich durch einen vom Ministerium genehmigten Präfekturbeschluß gegen eine geringe jährliche Abgabe in ihren uralten Rechte bestätigt wurden. Durch die Koloniesierung des Waldes ging das Recht des Weideganges und Heidehiebs verloren, weshalb die vorgenannten Gemeinden eine Entschädigung für den Verlust dieses Rechtes forderten. Die Bevollmächtigten Pfalzdorfs boten jeder der drei Gemeinden Altcalcar, Schneppenbaum und Keppeln je 50, also insgesamt 150 holl. Morgen gegen eine jährliche Rente von 1 Tlr. 15 Sgr. pro Morgen als Entschädigung an. Die Gemeinden waren hiermit aber nicht zufrieden und forderten eine durch
 

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Sachverständige nach der Größe des erlittenen Verlustes festzustellende Entschädigung. Es entstand hierüber ein Prozess zwischen ihnen und den Bevollmächtigten, der in den Jahren 1821-1823 geführt wurde. Die Gemeinden gewannen diesen Rechtsstreit in erster Instanz zu Cleve, verloren ihn aber beim Appellhof in Köln. Sie suchten nun in Berlin Kassation und Revision nach. Ihr. Einspruch wurde aber verworfen, weil der Advokat da selbst versäumt hatte, denselben innerhalb der Einspruchsfrist einzulegen. Währenddem dieser Rechtsstreit vor sich ging, waren die Kolonisten mit dem Ausroden des Waldes fortgeschritten und hatten Wohnhäuser gebaut und in zwei bis drei Jahren war fast der ganze Wald kultiviert. In diesen Jahren wurden auch die meisten Wohnhäuser gebaut. Zuerst gebaut und zwar im Jahre 1821 haben Martin Hohl, Jakob Hogstein und Bernhard Köter. So entstand das neue Dorf, welches nach der verstorbenen Königin Louise von Preußen Louisendorf benannt wurde. Im Jahre 1829 wurde die Mühle da selbst gebaut.

 

Im Jahre 1822 wurde die Straße hinter der Kirche von der Schule bis zur Monrestraße neu gepflastert.

Im selben Jahre wurde ein Fußgestell zu einem Kreuze oder Kalvarienberg auf dem neuen Friedhof vor dem Altcalcartor erbaut. Die Kirche gab das steinerne Kreuz, welches früher auf dem Kirchhof bei der Kirche gestanden hatte. Die Stadt hat die Kosten des Gestells bezahlt.
Am 15. Februar 1822 errichteten die Geschwister Willemsen bei der hiesigen katholischen Kirche eine Stiftung für einen zweiten Curat-Geistlichen unter dem Namen  „Stiftung Willemsen“.
Vom 1. Januar 1822 an ward die Königliche Regierung zu Cleve, welche seit 1816 bestanden hatte, aufgehoben und der hiesigen Regierungsbezirk mit dem von Düsseldorf vereinigt.
Am 11. Dezember 1822 trat Frost ein, welcher anhaltend und so stark war, daß Anfangs Januar 1823 der Rhein zufror. Ende des Monats trat Tauwetter ein und am 31. Januar setzt sich das Eis im Rheine oberhalb Grieth in Bewegung. Hier schob sich dasselbe aber aufeinander und bildete einen Eisdamm. Da er sich oberhalb Grieth wieder festsetzte, stieg das Wasser dergestalt, daß es am 2. Februar in Niedermörmter über den Deich lief. Unweit der Kirche wurde dieser auf einer Strecke von etwa 250 Schritt durchbrochen. Calcar und Umgegend

 

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wurden dadurch überschwemmt. Am 5. Februar trat wieder ziemlich starker Frost ein und das Wasser wurde mit einer solchen Eisdecke belegt, daß kaum mit einem Rachen durchzukommen war. Durch einen Dammbruch bei Bislich kam eine Erleichterung und das Wasser fiel hier bedeutend.
Im Jahre 1823 wurde die 1818 erbaute kath. Schule vergrößert und ein Stock draufgesetzt, weil die Zahl der die Schule besuchenden Kinder sich so vergrößert hatte, daß die Schule die Kinder nicht mehr fassen konnte. Der untere Raum wurde für die zweite Schule eingerichtet und die erste Schule nach oben verlegt. Zur teilweisen Deckung der durch den Umbau entstanden Kosten im Betrage von 460 Taler verkaufte die Stadt die alte Stadtmauer, welche im Pappelnkamp und bis zur Lohstätte noch vorhanden war. Sie reservierte sich aber soviel Steine, als zum Schulbau erforderlich waren. So verschwand nach und nach die alte Stadtmauer.
Im Jahre 1823 wurde Herr Kaplan Motte als Pfarrer von Altcalcar angestellt. An seine Stelle kam Herr van Haag als Kaplan nach Calcar. Die Pfarrerstelle zu Altcalcar war seit der Versetzung des Herrn Wolff unbesetzt geblieben, nur auf einige Monate hatte Herr Wurstgens, der kurz nach seiner Ankunft in Altcalcar als Pfarrer von Kellen ernannt wurde, die Pfarre versehen.

 

Im selben Jahre wurde die Verwaltung der Bürgermeisterei Appeldorn dem Bürgermeister von Calcar übertragen und so die beiden Bürgermeistereien Calcar und Appeldorn gemeinsam verwaltet.

Im gleichen Jahre wurde der Querdamm bei Calcar erhöht und verlängert. Zuvor lief er nur bis zur Viehsteege, nun aber wurde er weiter durchgeführt und überall so viel erhöht, als die neuen Anlagen jenseits der Viehsteege höher als die Grundfläche waren. Die Gefahren, welchen der Querdamm bei der letzten Überschwemmung ausgesetzt gewesen, hatten Veranlassung zu dieser Erhöhung und Verlängerung gegeben.
1823 wurde die Postexpedition vom Calcarberg nach Calcar verlegt. Calcar hatte jetzt, soweit bekannt, seine erste Postanstalt. Indessen blieb der Postlauf noch so lang über die alte Landstraße zu Calcarberg bestehen, bis die neue Landstraße über Calcar angelegt war. Bis dahin mußten Briefe und Pakete durch einen besonderen Boten täglich nach Calcarberg besorgt oder dort abgeholt werden. Der erste Postexpediteur war Herr Peter Hangkamer von hier.

 

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Im Jahre 1824 erhielt die erste katholische Schule neue Schreibpulte. Die Kosten wurden aus der Gemeindekasse bestritten.
Johann Schweinem  baute in der Kesselstraße ein neues Haus, das zuerst mit Nr. 90 ½ , später mit Nr. 95 bezeichnet wurde. (Es ist dies die heutige Schenkwirtschaft des Conrad Janßen). Die Baustelle  war vorher ein leerer Platz.

 

 Der Monat Oktober 1824 war sehr regnerisch und stürmisch. Durch den anhaltenden Regen waren  alle Bäche und Flüsse aus den Ufern getreten. Da die im Jahre vorher in dem Rheindeiche zu Niedermörmter entstandenen Durchbrüche nicht ausgebessert worden waren, wurden bei dem hohen Wasserstande die Bürgermeistereien Calcar, Appeldorn und Grieth überschwemmt. Das Wasser blieb in Calcar vom 2. bis zum 23. November, in den Bürgermeistereien Grieth und Appeldorn, aber bis anfangs Dezember, also 4 Wochen lang, stehen. Der durch die Überschwemmung verursachte Schaden war enorm. Eine große Menge Kartoffeln und andere Bodenerzeugnisse, die ungeerntet auf den Feldern standen oder bereits in Mieten untergebracht waren, gingen verloren. Die Scheunen standen größtenteils tief im Wasser und die darin lagernden Früchte waren dem Verderben preisgegeben. Das gleiche Schicksal erlitt das noch draußen stehende Korn und Heu, das größtenteils durch die Wassermassen fortgerissen wurde. So sah der Landmann die Früchte der ganzen Ernte durch die Fluten größtenteils verloren gehen. Im Dezember trat eine zweite Überschwemmung ein, bei der die Bürgermeistereien Calcar, Appeldorn und Grieth von neuem überschwemmt wurden. Das Wasser blieb diesmal etwa 14 Tage lang stehen. Die Not und das Elend wurden durch diese zweite Überschwemmung noch bedeutend vermehrt.

Am 8. Januar 1825 starb der hiesige Kantonalpfarrer, Herr Philipp Jakob Joseph Deboeur an den Folgen von Engbrüstigkeit. Er war 1768 zu Aachen geboren, wo er seine Jugend und ersten Studienjahre verbrachte, trat 1785 in den Orden der Konventuellen, empfing 1791 die Priesterweihe und wurde bald darauf Lehrer der Philosophie und Theologie. Nach Aufhebung der Klöster war er zuerst Pfarrer von Anholt, dann von Ramsdorf und zuletzt – seit 1815 – von Calcar. Er hinterließ ein sehr bedeutendes Vermögen,  über das er bei seinem Tode keine letztwillige Verfügung getroffen hatte.
 

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Wohl hatte er öfter seinen Freunden gegenüber geäußert, daß er sein ganzes Vermögen zu Gunsten der Calcarer Armen und zu Unterrichtszwecken verwenden wolle. Weil er aber keine diesbezügliche Bestimmung von Todes wegen getroffen hatte, ging seine Hinterlassenschaft der Gemeinde Calcar verloren.
Er war ein durch Ordnungsliebe und strenger Pünktlichkeit in der Erfüllung seiner Amtspflichten ausgezeichneter Mann. Seine Geschwister haben in der hiesigen Kirche ein Jahrgedächtnis gestiftet und den kath. Armen zu Calcar 3000 Reichstaler vermacht, wofür Korthaagshoff zu  Crayenveen angekauft worden ist. Als Nachfolger des Herrn Deboeur  wurde Herr Heinrich Hermann Langen zum Pfarrer ernannt und im März in sein Amt eingeführt.
 Im selben Jahre wurde Herr Klönne an Stelle des versetzten Herrn Stockfeld als Prediger der hiesigen evangelischen Gemeinde und Herr Christian Scheepers an Stelle des nach Broich berufenen Herrn Berchter als Lehrer bei derselben Gemeinde ernannt.
In diesem Jahre wurde das Pflaster von der Pastorat bis zur Altcalcarstraße neu verlegt. 

 Raupen

Im Jahre 1825 war das Obst vollständig mißraten. Ursache war die Raupenplage. Es waren Raupen in solcher Menge vorhanden, daß sie Bäume und Hecken kahl fraßen. 
Herr Hangkamer ließ in diesem Jahre die Häuser Nr. 14 und 15 am Markt ganz abbrechen und neue errichten. Es sind dies die heute noch stehenden und Filiale Beck.
Im Jahre 1826 wurde im Erdgeschoß des Rathauses und zwar an der Südseite eine Wohnung und das Wagenlokal und an der Nordseite die Wache eingerichtet. Das Wagenlokal wurde nach Fertigstellung öffentlich verpachtet.
In demselben Jahre wurde die 1819 angekaufte lutherische Kirche als Synagoge der jüdischen Gemeinde eingerichtet.
In dieses  Jahr fällt auch die Entdeckung des Römerbrunnens auf dem Monreberg. Jahrhunderte hindurch hatte sich die Ueberlieferung erhalten, daß sich auf dem Monreberg ein von den Römern erbauter Brunnen befinde, der aber im Laufe der Zeiten verschüttet sei. Die Stelle des Brunnens war niemanden mehr bekannt. Ein gewisser Bernhard 

 

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Pastors aus Cleve hatte von dem Forstinspektor Heinzen und dem Revierförster Everts die Erlaubnis erhalten, auf dem Monreberg, damals dem Forstfiskus gehörend, nach Altertümern zu graben. Unverhofft fand er nun, vollständig unter Schutt vergraben am 1. Juli 1826 den sagenhaft gewordenen Römerbrunnen. Es wurden alsbald nötige Maßnahmen zu seiner Erhaltung getroffen.
Im Jahre 1826 erging die Verordnung, sowohl im öffentlichen wie im privaten Verkehr alles nach Berliner Thaler, Silbergroschen und Pfennigen zu berechnen. Bis dahin war hier die Rechnung nur nach clevischen Reichstalern und Stübern üblich. Ein Reichstaler, welcher zu 23 Groschen 1 Pfennig gerechnet wurde, hatte 60 Stüber. 1 Stüber waren 2 Fettmännchen oder 4 Oertchen. In französischen Zeiten wurde im gewöhnlichen Leben 1 Stüber zu 5 Centimen und 20 Stüber zu einem Franken gerechnet. Nach der genauen Reduktion war aber 1 Stüber nur 4 Centimen, 94 Millimen und 20 Stüber waren nur 98 Centimen, 77 Millimen.
In diesem Jahre wurde eine neue Schulordnung eingeführt, die sich gut bewährte und dem Volksschulunterricht sehr förderlich war.

Am 17. Januar 1827 setzte ein Frostwetter ein und wenige Tage darauf stellte sich der Rhein. Am 26. Februar trat Tauwetter ein und am 2. März verschwand die Eisdecke im Rhein, ohne besonderen Schaden angerichtet zu haben.

Am 2. April starb Lambert Willemsen, der letztlebende seiner vier Geschwister, die im Jahre 1822 die Willemsen-Stiftung errichtet hatten. Die Kirche trat nunmehr in den Besitz und Genuß der ihr vermachten Güter.
In demselben Jahre wurde Herr Wolff als Offiziant dieser Stiftung ernannt, er hat sein Amt aber erst am 1. Januar 1828 angetreten.
Am 14. Januar nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr wütete hier ein starker Sturm, der Bäume entwurzelte, Dächer abdeckte und alte Gebäude niederriß.
In demselben Jahre wurde die erste Etage des Rathauses ganz ausgebessert und der Flur neu belegt.
Die Obsternte war in diesem Jahre ganz mißraten
Am 19. März 1828 wurde das von den drei Stadttoren, nämlich bei Altcalcar-, Kessel-, und
 

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Hanselaertor noch stehengebliebene Mauerwerk auf Abbruch verkauft. Calcar blieb von nun an eine offene Stadt. 
Am 15. Juli wurde zu Cleve auf dem Rathause die Ausführung der Graben-, Damm-, und Planierarbeiten, die Lieferung von Kies und den Bau von 27 Brücken und Durchlässen auf der von Cleve über Calcar bis Kehrum anzulegenden  zu 4431 Ruten vermessenen Kunststraße, abgeschätzt zu 28721 Thr. 4 Sgr. 11 Pfg., öffentlich verdungen. Diese Straße soll aber ungefähr 100000 Taler gekostet haben.
Im Jahre 1828 wurden die äußeren Wände des Rathauses verputzt, im südlichen Teile ein neuer Schornstein gebaut und Türen und Fenster repariert. Die Kosten betrugen 331 Taler. Bis dahin waren die Schornsteine in den Seitenmauern des Rathauses, sie hatten hier aber bei ungünstigem Winde keinen Zug und es war deshalb ihre Verlegung notwendig geworden.

 

Auf Antrag des Gemeinderats  wurde am 2. April 1828 regierungsseitig genehmigt, daß der erste Flachsmarkt am 2. Oktober und der zweite am 29. desselben Monats stattfinden soll.

Am 4. Januar 1829 begann eine strenger Kälte als bisher einzusetzen und vom 21. bis 23. des selben Monats erreichte der Frost einen so hohen Grad daß der Rhein zufror. Am 27. Januar stellte sich Tauwetter ein, wodurch sich das Eis löste. Es trieb rheinabwärts, schob sich aber bei Grieth aufeinander. Nach einigen Tagen fing es von neuem an zu frieren und der Rhein fror abermals fest zu. Als nun Mitte Februar die Kälte nachließ und das Eis durch kurz darauf einsetzendes Tauwetter sich in Bewegung setzte, hegte die Bevölkerung große Befürchtungen wegen der großen Eismassen im Rheine oberhalb Grieths. Doch trieben diese glücklich langsam stromabwärts, ohne daß es zu Deichbeschädigungen oder anderen Schäden gekommen wäre.

 Am 18., 19. und 20. Mai 1829 spendete der hochwürdigste Bischof Caspar Maximilian von Münster in der hiesigen Kirche die heilige Firmung. Aus der Pfarre Calcar wurden 441 Personen gefirmt. 

Im Jahre 1829 wurde in der Bürgermeisterei Calcar mit der Käseherstellung der Anfang gemacht. Sie wurde eingeführt von Gerhard Hagedorn und Gerhard Verweyen vom Gut Born in Altcalcar. Ersterer  hatte7, letzterer 18 Kühe, der 


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erste, der zur Käsefabrikation hier zu Lande überging, war der Deichgraf Reymer, Landwirt zu Rindern, der durch seine Familie im Holländischen auf die Wichtigkeit dieses Gewerbezweiges und auf die  Herstellung nach Holländischer Art und Weise aufmerksam gemacht worden war.
Im selben Jahre wurde mit dem Neubau des Pfarrhauses der hiesigen evangelischen Gemeinde begonnen. Der Bau wurde aber erst im Jahre 1830 vollendet. Die Baukosten sind teils durch Kollekten, teils aus Kirchen- teils aus städtischen Mitteln gedeckt. Die Stadt hat dazu 800 Taler beigetragen. 

 

Am 21. Mai brannten in der Kesselstraße die Häuser Nr. 86, 87 und 88 des Hermann Koimann, Jakob Degroot und der Witwe Gietjes ab, ohne daß die Entstehungsursache des Brandes ermittelt worden ist.

Der Winter 1829/30 war äußerst strenger. Der Rhein war wiederum zugefroren. Nach Eintritt von Tauwetter Ende Februar stauten sich die Eisschollen in der Nähe von Grieth und drohten gefährlich zu werden. Der Rhein schwoll so stark an, daß das Wasser zuerst bei Hönnepel  über den Damm lief, bald darauf aber auch an anderen Stellen die Deiche überflutete und die Bürgermeistereien Grieth und Appeldorn und einen Teil der Stadt Calcar, unter Wasser setzte. Die Überschwemmung dauerte 8 Tage.
Im Jahre 1830 wurden die Stuben im ersten Stockwerk des Rathauses neu eingerichtet und ein neuer Schornstein daselbst gebaut.
Am 30 April wütete den ganzen Tag über ein starker Westwind, der gegen Abend in einen Orkan überging. Sonderbar aber glücklicher Weise richtete er keinen wesentlichen Schaden an.
Am 4. Oktober 1830 passierten zu Calcarberg die neuvermählten J. K. Hoheit Prinz Albrecht und Prinzessin Marianne. Es war ihnen ein Ehrenbogen errichtet worden und bei ihrer Ankunft wurden sie von den geistlichen und weltlichen Behörden begrüßt.
Der Monat Januar des Jahres 1831 war sehr kalt. Der Rhein führte Treibeis, fror hier aber nicht zu, wohl dagegen weiter rheinaufwärts. Der Frost dauerte mit Unterbrechung bis zum 6. Februar. Anfang März stieg das Wasser bis Nr. 22 des hiesigen Pegels, trat am 7. über die Deiche und überschwemmte die ganze Niederung. Auch die 

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Stadt Calcar wurde teilweise unter Wasser gesetzt. 
Im Jahre 1831 wurde die Kunststraße von Cleve über Calcar nach Kehrum vollendet; am 4. April fuhr der Schnell- (Eil-) wagen, der bis dahin noch über die alte Landstraße zum Calcarberg gefahren hatte, zum erstenmale durch Calcar.
In diesem Jahre hat Anton Hövels, das Haus Nr. 3 von Grund auf neu gebaut. Es hatte dort bisher nur ein kleines und baufälliges Häuschen gestanden. 
Am 2. August brach in dem Hause des Bäckers Degroot in der Kesselstraße Nr. 87 Feuer aus. Durch schnelles Eingreifen der Brandbetroffenen und der Nachbarn konnten die umliegenden Häuser sowie auch teilweise das Haus des Degroot gerettet werden.

 

Der Sommer des Jahres 1831 war durchgehends naß und kalt. Prächtige Witterung herrschte jedoch im Monat Oktober.

Wegen der Unruhen, welche im Jahre 1830 in Frankreich und Belgien ausgebrochen waren, war die hiesige Gegend im Jahre 1831 mehr oder weniger mit preußischen Truppen belegt. Man befürchtete nämlich einen Krieg zwischen Holland und Belgien, weil sich letzteres unabhängig von Holland erklärt hatte.
 Der Winter 1831/1832 war sehr gelinde. In den Monaten Januar und Februar trat zwar hin und wieder Frost ein, doch war derselbe nicht von langer Dauer. Schnee fiel sehr wenig.
Auf Antrag des Gemeinderates vom 14. Februar 1832 wurde regierungsseitig die 3 Tage dauernde Mai-Kirmes abgeschafft und in diesem Jahre zum ersten Male nicht mehr gehalten. Früher begann diese Kirmes am 1. Mai, seit mehreren Jahren war ihr Anfang aber auf den Sonntag, vor dem 1. Mai verlegt; war dieser aber ein Sonntag, so begann sie an diesem Tage.
Im Jahre 1832 erbaute der Landwirt Heinrich Mühlenhoff zu Altcalcar an der neuen Landstraße zwischen dem Monretor und dem Berg ein neues massives Haus.
Am 31. Juni 1832 stießen Arbeiter, die einen Seitengraben der neuen Landstraße in der Nähe des Bornschen Feldes erbreiterten, in kaum 2 Fuß Tiefe auf einen sehr gut erhaltenen aus zwei Teilen bestehenden römischen Grabstein. Der größere der beiden Steine, aus Sandstein gehauen war über 6 Fuß lang, hatte eine Breite von 2 Fuß 3
 

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Zoll und eine Dicke von 8 Zoll. In seinem oberen Teil war eine auf einem Ruhebett liegende, auf einen Arm sich stützende männliche Figur eingehauen. An deren Füßen stand eine zweite männliche, aber trauernde Figur. Vor dem Bette auf einem Tische waren einige Trinkgefässe bemerkbar. Dann folgte die Inschrift:
                        C .  IVLIO  ADARI  .  F
                        PRIMO  .   TREVRO
                        EQ   .  ALAE   .  NORI  .   C
                       STATORI   .   AN  .     XXVII
                       STIP  .     VII   .   H  .  A  .  S  .  F  .  C  .
Unter dieser Inschrift war ein angeschirrtes, mutiges Pferd eingehauen, das von einer hinterher laufenden männlichen Person geführt wurde.

 

Der Eigentümer des Grundstücks, Ackerer Johann Pastoors aus Appeldorn, machte Fundrechte an dem Stein geltend und verkaufte ihn am folgenden Tage für Friedrichsd´or oder 11 Taler 10 Sgr. berliner Courant an den Notar Philipp Houben in Xanten. Der Bürgermeister Robbers von Calcar ließ den Stein jedoch, weil er die Rechtmäßigkeit der Ansprüche des Pastoors bezweifelte, unter Billigung der landrätlichen Behörde im Rathause zu Calcar sicherstellen. Er hegte nämlich die Vermutung, daß  die Arbeiter, die den Stein gefunden hatten und die im Dienste der staatlichen Bauverwaltung standen, die Verpflichtung hatten, die etwa zu Tage geförderten Altertümer dem Staat auszuliefern. Die Regierung zu Düsseldorf entschied indessen nach Vortrag des Sachverhalts, daß der Grabstein dem Notar Houben auszuliefern sei, weil der Staat keinen rechtlichen Anspruch auf ihn habe, da es sich bei dem Fundgrundstück nicht um ein vom Staate gekauftes handele.

Am 14. Juli 1932 nachmittags überzog ein schweres Gewitter die Stadt und Umgegend. Es war von einem starken Orkan begleitet. Heu und Feldfrüchte, die gemäht auf Feld und Wiese lagen, wurden fortgeschleudert und zerstreut. Es seien nur erwähnt das Hinterhaus des Peters am Bolk, das Hinterhaus des Peerenboom unweit davon, das Hinterhaus auf Rinzenhof, Vorder- und Hinterhaus sowie Scheune und Schuppen des van de Kamp auf der Gort zu Hanselaer, Hinterhaus und Scheune der Witwe Lörks auf der Waye und die Scheune des Gerhard van Bebber daselbst.

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Der Sommer des Jahres 1832 war durchgehend naß und kalt, sonderbarerweise waren die Gewitter aber häufig und heftig.

 

In der Nacht vom 12. zum 13. November 1832 war eine seltsame, den Sternschnuppen ähnliche Lufterscheinung, welche von nachts 2 Uhr bis zum Anbruch des Tages dauerte und ein solches Licht verbreitete, daß man hätte glauben können es blitze; dabei schien der Mond außerordentlich hell. Die Erscheinung war schaurig schön anzusehen.

Durch Verfügung des Ministeriums vom 2. März 1828 wurde die Kolonisierung und Verteilung des zwischen Altcalcar, Keppeln, Louisendorf und dem Rayerend liegenden Waldes verordnet. Die Verlosung fand am 4. Juni 1832 statt, der Wald wurde unter den Einwohnern von Pfalzdorf und mehreren Einwohnern von Altcalcar, Keppeln und Louisendorf verteilt gegen eine jährliche Rente zu Eigentum überlassen. Im folgenden Jahre wurden die ersten Häuser in der neuen Kolonie gebaut und zwar von Friedrich Reis, Heinrich Lauff und Theodor Prust. Die Seelenzahl betrug 18. Die Kolonie erhielt den Namen Neulouisendorf. Durch landrätliche Verfügung vom 26. Oktober 1833 wurde dem Bürgermeister von Calcar die Aufnahme der Personenstandsurkunden der neuen Gemeinde übertragen. Die Zuteilung Neulouisendorfs zur Bürgermeisterei Calcar erfolgte durch Verfügung vom 14. November 1835. Die Rentenverträge datieren vom 1. Mai 1834. Den Kolonisten wurden 10 Freijahre gewährt, hatten danach aber eine jährliche Renten von 15 Sgr. 5.Pfg. je preuß. Morgen zu zahlen; sie war also zum ersten Male im Jahre 1842 fällig.

Weil sie ein Verkehrshindernis bildeten, mußten mehrere innerhalb der Stadt im Zuge der neuen Landstraße stehenden Pumpen versetzt werden; so die vor dem Hause des Anton Hövels Hs. Nr.3 stehende Pumpe an die Seite des Hauses versetzt und die vor dem Hause der Witwe Kampmann Nr. 328 zum Markt hin stehende Pumpe an das Haus herangerückt. (Es sind dies die beiden noch heute bei Dr. Bartels und Schepers am Markt stehenden Pumpen.)
Der Winter des Jahres 1832/33 war im allgemeinen milde, doch brachte der Januar einige sehr kalte Tage und der Rhein trieb ziemlich stark mit Eis. Die Kälte war jedoch erträglich, weil es windstill war. Schnee war in dem Winter eine Seltenheit.

 

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Am 13. Oktober 1833 abends 10 Uhr starb an den Folgen der Wassersucht Herr Heinrich Hermann Langen, Kantonspfarrer zu Calcar, geboren daselbst  am 24. September 1762. Seine Jugend und ersten Studienjahre verbrachte er in Calcar und Kempen und besuchte darauf die damals blühende Universität zu Löwen. Er empfing am 15. April 1786 die Priesterweihe und wurde an der Kirche seiner Vaterstadt als Vikar angestellt, wo er eifrig in der Seelsorge wirke, bis er 1812 als Pfarrer nach Hönnepel berufen wurde. Am 12. Januar 1825 wurde er als Kantonspfarrer nach Calcar versetzt.
Am 24. Oktober 1833, nachmittags gegen 4 ½  Uhr, kam Seine Königl. Hoheit der Kronprinz von Preußen - der nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. - von Wesel, wo er übernachtet hatte, in Begleitung des Gerneralleutnants von Pfuel und zweier Adjutanten (Oberst Graf von der Groeben und Hauptmann von Willisen) hier an und wurde von der Bürgerschaft mit großem Jubel empfangen. In dem Hause des Rentners Frambach war alles zum festlichen  Empfang vorbereitet, doch ohne einzukehren ging der Kronprinz geraden Wegs zur kath. Kirche, um deren Kunstschätze zu besichtigen. Er tat dies nahezu eine Stunde lang mit größtem Interesse. Noch am selben Abend fuhr er nach Cleve, von wo aus er am anderen Tage seine Reise durch die Rheinlande fortsetzte. 

 

Im Jahre 1833 wurde die Verwaltung der Bürgermeisterei Appeldorn von der Bürgermeisterei Calcar wieder getrennt, weil der Bürgermeister Robbers sich seiner sonstigen Geschäfte wegen nicht verbinden konnte, wöchentlich eine Sitzung in Appeldorn abzuhalten. Nachfolger des Bürgermeisters Robbers in der Verwaltung der Bürgermeisterei Appeldorn wurde der erst 25 Jahre alte Stadtsekretär von Calcar namens Johann Hermann Eduard Backer, ein geborener Calcarer.

In demselben Jahre wurde die Orgel in der kath. Kirche, die bis dahin über dem Südeingang war, nach unten in die Kirche verlegt, gründlich repariert und durch drei neue Register vergrößert. Die Arbeiten begannen am 6. März und dauerten 9 Monate;  sie sind durch den Orgelbauer Johann Peter Fabritius aus Grevenbroich ausgeführt worden und verursachten einen Kostenaufwand von 1025 Taler, die ausschließlich von den Eheleuten Matthias Frambach und Margareta Tenback gespendet waren.

 

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Am 28. Dezember 1833 ertrank unweit der Manier, wo die Landstraße unter Wasser stand, ein mit der Chaise von Xanten kommender Knecht durch Unvorsichtigkeit. In betrunkenem Zustande geriet er mit dem Gespann vom festen Wege ab in die zwischen dem Monreberge und der Landstraße befindliche Mulde.
Am 29. Dezember  1833 wurde Herr Johann Heinrich Janssen aus Kevelaer als Kantonspfarrer an die Stelle des verstorbenen Pfarrers Langen nach hier versetzt.
Der Monat Dezember war sehr regnerisch und stürmisch. Durch den anhaltenden Regen stieg das Wasser bedenklich und überflutete schließlich die Bürgermeistereien Grieth und Appeldorn und einen großen Teil der Stadt Calcar. Am 31 Dezember wütete fast den ganzen Tag hindurch ein heftiger Sturm, der bis gegen Mitternacht dauerte, und abends gegen 7 Uhr zu einer solchen Stärke anwuchs, daß er einem Orkan glich. Die Gebäude, besonders die im Wasser stehenden, haben allenthalben viel Schaden gelitten.

 

Im Jahre 1833 waren Gewitter sehr selten.

Der Winter 1833/34 war sehr gelinde. Frost ist überhaupt nicht eingetreten und Schnee nicht gefallen, doch waren Sturm und Regen stets vorherrschend. Am 4. Januar tobte ein Sturm, der an Stärke dem Orkan vom Silvestertage nicht nachstand.
Am 14. Mai 1834 starb zu Cleve, wohin er wegen seines kränklichen Zustandes verzogen war, der Prediger der hiesigen evangelischen Gemeinde, Herr Klönne. Seine Leiche wurde aber nach hier überführt und auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Er war eifrig tätig für seine Gemeinde und diese hat ihm viel zu verdanken. 
Im Jahre 1834 hat Franz Kuypers das Haus Nr. 109 an der nordwestlichen Ecke des Martkplatzes, genannt ,,Schöpken“, abgebrochen und durch ein neues Haus ersetzt. 
Im selben Jahre wurde der Marktplatz neu gepflastert, nur ein schmaler Streifen vom Mittelgraben bis ungefähr zur Altcalcarstraße blieb von der Neupflasterung ausgeschlossen. Die Kosten betrugen 529 Taler. 
Der Sommer des Jahres 1834 war sehr gewitterreich und der Blitz ist oft eingeschlagen. Durch ein am 13. Juli niedergegangenes Gewitter mit sehr heftigem Hagelschlag wurden die Felder in der 

 

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ganzen Umgegend verheert und die Früchte vernichtet.
Das  heftigste Gewitter des Jahres 1834 war das vom 1. August. Es währte volle 8 Stunden lang von 8 Uhr abends bis 4 Uhr morgens unter fürchterlichem Blitzen.

 

Der Herbst des Jahres 1834 war so schön und sonnig, daß der Sommer gar nicht weichen zu wollen schien. Äpfel gab es in solcher Menge, daß die geringeren Sorten für 8 und die besseren schon für 12 Silbergroschen sackweise zu haben waren. Seit Menschengedenken war kein derartiger Ueberfluß an Obst gewesen. Als eine Merkwürdigkeit verdient angeführt zu werden, daß hier mehrere im Freien stehenden Apfel- und Birnbäume zweimal geblüht und Früchte getragen haben. Einige Äpfel und Birnen kamen zur normalen Entwickelung, die meisten aber bleiben nur klein und erreichten die Größe eines Knickers. Der Wasserstand des Rheines war durchgehend so niedrig, wie es seit vielen Jahren nicht mehr beobachtet worden war.

Im September 1834 wurde die Kanzel in der katholische Kirche, die bis dahin am 3. Pfeiler gestanden hatte, an den ersten Pfeiler versetzt.
Der Winter von 1834/35 war sehr gelinde. Schnee ist fast gar nicht gefallen. Schon im Februar setzten ziemlich heftige Gewitter ein.
Im Jahre 1835 hat Josef Marcour vor dem Altcalcartore ein neues Haus erbaut.
Am 3. April 1835 morgens 7 Uhr wurde der von dem Assisenhof zu Cleve wegen Raubmordes zum Tode verurteilte Wilhelm Heinrich Lohmann, Schneider aus Bönninghardt, auf dem großen Markte zu Cleve durch das Fallbeil hingerichtet. Er hatte am  19. März 1834 den Handelsmann Aron Esser aus Alpen, als dieser auf dem Wege zum Viehmarkte nach Bocholt war, und bei Lohmann  vorgesprochen hatte, um von ihm den Rest des Kaufpreises für eine Kuh zu erhalten, auf grausame Weise ermordet und ihn seines Geldes beraubt. Seit mehr als einem Menschenalter war hier in der Gegend kein Menschenblut durch das Schwert der Gerechtigkeit mehr vergossen worden, daher war die Wanderung nach Cleve, um der Hinrichtung beizuwohnen, außerordentlich groß. Die ganze Nacht hindurch strömten die Menschen scharenweise auf Cleve zu.

 

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In demselben Jahre hat Peter Elbers das Haus Nr. 251 in der Monrestraße an der Ecke der Spiegelstege von Grund auf neu gebaut.
Am 14. Oktober hat man hier in Calcar den Halleyschen Kometen zum ersten Male gesehen.  Er war aber kaum mit bloßem Auge und nur kurze Zeit zu sehen.
Der Sommer des Jahres 1835 war sehr heiß und trocken. Die Getreideernte war ziemlich gut, die Kartoffeln jedoch ganz mißraten, auch gab es  nur sehr wenig Obst.

 

Am 3. Dezember wurde mit höherer Genehmigung von Notar Robbers der Kaufakt getätigt, wonach Kammersekretär Schniewind sein an der Herrenstraße gelegenes Haus nebst Zubehör an die katholische Kirche für 2200 Taler verkaufte. Es sollte als Pastorat eingerichtet werden. Die Stadt hat hierzu 1200 Taler gegeben, der Rest ist aus der Kirchenkasse bestritten.

In diesem Jahre wurde höheren Orts eine Neunummerierung sämtlicher Gebäude angeordnet. Das desfallsige Register ist am 24. Dezember 1835 abgeschlossen, die Nummerierung selbst aber erst im Jahre 1836 durchgeführt.  Nach dieser waren in Calcar an Gebäulichkeiten vorhanden: Kirchen und Gotteshäuser 3, öffentliche Gebäude 5, Wohnhäuser 306, Scheunen 69, Schuppen 23, Windmühlen 2, Wassermühlen 2.
Am 3. Februar 1836 wurde Herr Hermann Heinr. Roshoff als Pfarrer an die hiesige evangelische Gemeinde als Nachfolger des verstorbenen Herrn Klönne versetzt.
Am 12. Februar wurde das alte kath. Pfarrhaus, das dem neuangekauften Schniewindschen Hause gegenüberlag, an den Tierarzt Siebert für 815 Taler öffentlich verkauft.
Am selben Tage wurde Calcar von einem schweren Gewitter überzogen, das aber glücklicherweise keinen Schaden angerichtet hat. In Emmerich schlug der Blitz in die Münsterkirche, in Wesel dreimal in den Turm der Mathenakirche ein. Hier zündete er, doch wurde der Brand sofort gelöscht. Auch der Kirchturm in Weeze wurde vom Blitz getroffen und brannte teilweise ab. 
Am 2. Mai 1836 hat Pfarrer Janssen das neue Pfarrhaus bezogen.
Am 4. August 1836 entstand ein Brand in dem Hause des Faßbinders Gerhard Wellings in der Monrestraße; das Haus brannte fast ganz nieder.

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Am 17. August war ein hier niedergegangenes Gewitter von einem derartig starken Regen begleitet, daß  sich niemand erinnern konnte, einen Regen in solcher Stärke je erlebt zu haben. Er fiel eine ganze Stunde lang in solchen Güssen herab, daß man in Niederungen, wo das Wasser sich sammelte, mit Nachen fahren konnte. 
Am 3. Oktober 1836 vormittags gegen 10 Uhr traf seine Königliche Hoheit Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen auf seiner Rückreise aus dem Haag hier ein und wurde von dem Bürgermeister, der Geistlichkeit und dem Gemeinderat bewillkommnet. Währenddem auf dem Marktplatze die Pferde gewechselt wurden, unterhielt sich der Kronprinz mit dem Bürgermeister. Er stieg jedoch nicht aus, versprach aber, bei seiner nächsten Durchfahrt die Kirche nochmals zu besichtigen. (Er hatte bereits vor 3 Jahren bei seiner ersten Durchfahrt durch Calcar die Kirche eingehend in Augenschein genommen.) Am gleichen Tage passierte auch Seine Königliche Hoheit Prinz Albrecht von Preußen unsere Stadt.
Am 18. Oktober 1836 wurde hier bei hell gestirntem Himmel ein prachtvolles Nordlicht beobachtet.
Am 29. November nachmittags gegen zwei Uhr erhob sich ein gewaltiger Sturm, der sich zu einem Orkan ausbildete und bis 7 Uhr abends anhielt. Groß waren die Verheerungen, die er anrichtete; Dächer wurden abgedeckt und viele andere Beschädigungen an Gebäulichkeiten verursacht. Gegen 6 Uhr wurden die Einwohner durch das Läuten der Brandglocke in noch größere Unruhe und Verwirrung versetzt. Glücklicherweise war der Brand aber außerhalb der Stadt.
Im Jahre 1836 hat Bernhard Wenner ein neues Haus, bezeichnet mit Nr. 269 ½ , im sogenannten Kalverbosch gebaut.
Am 17. und 18. Februar 1837 war hier wiederum ein ziemlich starkes Nordlicht sichtbar.
Am 4. August traf Seine Hochwürden Caspar Maximilian Bischof von Münster, von Uedem kommend, hier ein. In den ersten Tagen besuchte er die umliegenden Pfarreien und erteilte darauf in der hiesigen Kirche die hl. Firmung. Von hier aus reiste er nach Cleve weiter.
In diesem Jahre wurden die Dekanate eingerichtet. Der Oberpfarrer Janssen von hier war der erste Dechant des Dekanates Calcars.

 

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Heinrich Maritzen erbaute vor dem Monretor ein neues Haus, das mit der Nummer 225 ½  bezeichnet wurde.
Im Jahre 1837 wurden die blauen Dachziegel, mit denen die Südseite das Daches des Rathauses belegt war, abgenommen und durch Schiefer ersetzt. Die Kosten betrugen etwa 230 Taler. Im folgenden Jahre wurden die gleichen Arbeiten auf der Nordseite ausgeführt.
Im Jahre 1838 hat Johann An der Heyden am Eingange der Altcalcarstraße ein neues Haus gebaut, das die Nr. 331 erhielt. Es hatten dort früher zwei kleine, baufällige Häuschen gestanden.
Am 10. Dezember 1839 wurde Peter Hangkamer, der bereits seit 1803 Beigeordneter von Calcar war, für eine weitere 5jährige Amtsperiode gewählt und von der Regierung bestätigt.

 

Am 1. Oktober 1839 wurde Herr Christian Hub. Scholte erster Lehrer an der hiesigen kath. Schule, pensioniert; er war seit 1804 hier angestellt. Am 24. Oktober wurde er zum 2. Beigeordneten von Calcar ernannt.

In diesem Jahre trat der Maikäfer massenhaft auf. Es erging eine Verordnung, die Maikäfer zu fangen. Für jedes abgelieferte Berliner Scheffel wurde aus der Gemeindekasse eine Vergütung von 5 Silbergroschen gezahlt. In der Nachbarbürgermeisterei Grieth wurden nahezu 200 Malter, hier aber nur 8 ½ Malter abgeliefert.
Am 8. Juli 1840 wurde die neue Marktordnung genehmigt, nach der noch ein dritter Markttag und zwar der Freitagsmarkt eingelegt wurde. Der erste dieser Märkte war am Freitag, den 25. Oktober.
Am 13. August wurde dem Lambert Völkers aus Oldensaal die Neupflasterung der Kesselstraße übertragen. Für jede wirkliche verarbeitete Rute erhielt er 1 Taler 18 Sgr., mußte aber alle Materialien selbst liefern. Die Arbeiten begannen am 14. Aug. und wurden im folgenden Monat beendet. Sie haben einen Kostenaufwand von 412 Taler verursacht.

 

Am 1. September 1840 wurde eine dritte Klasse an der hiesigen kath. Volksschule eingerichtet und Herr Johann Franz Haan als dritter Lehrer ernannt. Dieser versah gleichzeitig den Organistendienst in der Kirche.

Am 1. Oktober trat der zum ersten Lehrer ernannte Herr Heinrich Oeben sein Amt ein. Beide Lehrer bezogen außer ihrem Gehalt noch ein Schulgeld
 

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von 3 Groschen pro Kind und Monat, indessen mußte Lehrer Oeben für ein besonderes Fixum, das er aus der Armenkasse behielt, die armen Kinder unentgeltlich unterrichten.
Im September wurde der Kalvarienberg auf dem Friedhof vor dem Altcalcarertor, der mit der Front nach Osten stand, abgebrochen und ein neuer, dem Eingang zum Friedhof gegenüber, auf Kosten der kath. Kirche erbaut.
Schon im Jahre 1839 war seitens der Stadt ein Antrag auf Schiffbarmachung der Kalflak gestellt worden. Demzufolge erhielten im Oktober 1840 Bauführer Keller aus Xanten und Geometer Rheindorff den Auftrag, den Wasserlauf zu nivellieren und einen Kostenanschlag aufzustellen. Wegen des hohen Wasserstandes und des früh eingetretenen Frostwetters konnten die Vorarbeiten jedoch nicht sofort aufgenommen werden. 

 

Die durch die Eheleute Matthias Frambach der hiesigen katholischen Kirche vermachte Schenkung von ca. 6000 Talern ist im November 1840 Allerhöchst genehmigt worden; sie war für kirchliche und Armenzwecke bestimmt. 

Der Winter des Jahres 1840/41 war durchgehends kalt und streng. Am 26. Dezember setzte sich das Eis im Rheine oberhalb Rees fest; von Rees bis Grieth blieb aber noch mehrere Tage lang blankes Wasser. Der Stand des Eises bei Rees war sehr gefahrdrohend, weil das Eis sich haushoch aufeinander geschoben hatte. Am 10. Januar 1841 setzte Tauwetter ein und am 15. und 16. Januar brach das Eis bei Rees, Grieth und Emmerich, setzte sich bei Bimmen und Lobith aber wieder fest, wodurch eine solche Stauung entstand, daß das Wasser in weniger als 24 Stunden über 21 Fuß stieg und am 21. Januar eine Höhe von 22 Fuß 1 ½  Zoll erreichte. Die Gemeinden Bylerward, Huisberden, Emmericher -Eyland und der Polder Bovenholt wurden überschwemmt. Das Wasser lief bereits über den Deich von Gansenland und Grietherfeld. Zum Glück begann es aber schnell zu fallen und so blieb die Stadt Calcar von einer Überschwemmung verschont. So drohend auch der Stand des Rheines oberhalb Rees war, so ging der Eisgang doch ohne Schaden anzurichten von statten. Die Deiche haben keine Beschädigungen erlitten mit Ausnahme des Schaardeiches zu Hönnepel, in dem eine Senkung entstand. Es war gut, daß diese erst nach dem Eisgang und dem hohen Wasserstande erfolgte, weil sonst ein Dammbruch
 

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sehr wahrscheinlich gewesen wäre. Im Februar fror der Rhein zum zweitenmale zu, aber auch jetzt sind größere Schäden an Deichen usw. nicht angerichtet worden.  
Die Bevölkerung Calcars am Schluße des Jahres 1840 betrug 1669 Katholiken, 109 Protestanten und 91 Juden, zusammen 1869 Seelen. An Gebäuden waren vorhanden: Gotteshäuser: 3, Schulen: 2, Armenhäuser: 2, sonstige kirchliche oder communale Gebäude: 9, Wohnhäuser: 307, Scheunen und Schuppen: 120, Wind- und Wassermühlen je 2.

 

Am 4. Januar  1841 wurde von der Regierung zu Düsseldorf der am 17. November 1840 vor Notar Thomae zu Cleve getätigte Kaufakt, wonach die Eheleute Johann Schweinem und Petronella geb. Lapp das an der Grabenstraße gelegene, früher einen Flügel des ehemaligen Brigittinerklosters bildende Haus Nr. 129 sowie einen Teil an der westlichen Seite dieses Hauses gelegenen Gartens an die katholischen Armen verkauft haben. Gemäß Contrakt  haben die Armen zwischen dem Garten der Verkäufer und dem davon angekauften Teile und zwar auf dem Grund und Boden dieses Teiles eine Scheidemauer von 6 ½ Fuß errichtet, die Eigentum der Armen bleibt. Im Sommer wurden im unteren Teil dieses Klosterflügels 12 Wohnungen eingerichtet, die teilweise im Herbst von Armen bezogen wurden. Bei diesem Umbau wurden die Steine verwendet, die beim Abbruch des großen Armenhofes gewonnen worden waren. 

Die katholischen Armen Calcars hatten bis dahin zwei Armenhöfe, nämlich den großen Armenhof mit 13 Wohnungen auf der Herrenstraße, genannt Peter Huysenshoff, und den kleinen Armenhof mit 5 Wohnungen in der Kesselstraße, genannt St. Laurentihof. Beide Armenhöfe waren aber sehr baufällig und schlecht eingerichtet. Zuerst hatte man die Absicht, einen neuen Armenhof dort, wo der große stand, zu bauen, da aber die Kosten auf 2500 Taler veranschlagt worden waren, wurde es vorteilhafter gefunden, den obengenannten Klosterflügel anzukaufen. Der Kaufpreis und die Einrichtungskosten sind teils aus dem Ertrage der Tannenholzverkäufe auf Kohlenbrendershof zu Uedemerbruch, teils aus dem Erlös für den kleinen Armenhof, der am 21. Mai 1841 an den Kleinhändler Heinrich Dellemann für 675 Taler verkauft wurde, gedeckt worden. Der große Armenhof wurde abgebrochen und die Materialien teils verkauft, teils zum Ausbau des Klosterflügels,
 

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wie bereits oben erwähnt, verbraucht. Der Platz, auf dem der große Armenhof gestanden hat, ist der Stadt gegen eine Entschädigung überlassen und auf ihm eine Gemeindeschule (siehe unten) erbaut worden. Die Scheidemauer, die an der Nordseite dieses Platzes steht, ist die alte Umfassungsmauer des Armenhauses, worauf das Dach ruhte, sodaß die Dachtraufe an der Nordseite dieser Mauer war. Die Stadt besetzt daher nicht nur die Mauer, sondern hat auch ein Recht auf die Dachtraufe in Breite von wenigstens neun Zoll außerhalb der Mauer.
Am 1. Mai wurde in Cleve das 25-jährige  Amtsjubiläum des Landrats von der Mosel gefeiert. Diese Feier war von den Bürgermeistern und Beigeordneten des Kreises arrangiert worden. Sie hatten einen kostbaren Pokal in Berlin anfertigen lassen und ließen ihn durch den Bürgermeister Robbers von Calcar als Senior unter den Bürgermeistern des Kreises überreichen.
Am 16. August 1841 wurde der Neubau der vorerwähnten Schule öffentlich vergeben. Mit dem Unterricht in der ersten Klasse konnte am 8. November desselben Jahres begonnen werden. Der Bau hat mehr als 1200 Taler gekostet.

 

In diesem Jahre wurde eine Wohnung im Erdgeschoß an der Nordseite des Rathauses eingerichtet, in der Wachtstube ein neuer Fußboden gelegt und der Eingang zu derselben im nördlichen Giebel des Rathauses angebracht.

Im Jahre 1841 wurde die Hohe Straße bedeutend abgetragen und planiert, um die tiefe Wasserrinne  an der östlichen Seite der Straße verschwinden zu lassen. Es wurde bei dieser Arbeit ein altes Straßenpflaster 1 ½ bis 2 Fuß unter der Erde vorgefunden. An manchen Stellen war sogar noch ein darunterliegendes weiteres Pflaster nachweisbar. Zu beiden Seiten der Straße wurden Rinnen angelegt und die Straße selbst mit Grand befahren. Das auf dieser Straße stehende Seilerhäuschen wurde abgebrochen und dem Eigentümer, der eine Entschädigung von 20 Talern für den Abbruch erhielt, ein Platz zur Errichtung eines neuen Seilerhäuschens vor dem Hanselaertore angewiesen.
Seitdem der Fährkopf, durch den die alte Mündung des Kalflaks zugedämpft worden, der Stadt Emmerich gegenüber angelegt ist, hatte die Schifffahrt auf dem Kalflak fast ganz aufgehört; die Einfahrt 

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in ihm war nur bei hohem Wasserstand möglich.
Die Ernte des Jahres 1842 war im allgemeinen mittelmäßig; die Getreidepreise waren hoch, der Roggenpreis stieg auf 9 Taler pro Malter.
Die Lungenseuche, die seit einigen Jahren unter den Rindviehbeständen der hiesigen Gegend herrschte, ist in diesem Jahre nur vereinzelt aufgetreten, dagegen umso mehr die Zungen- und Klauenkrankheit (heute Maul- und Klauenseuche genannt). Sie trat indessen nicht heftig auf und es krepierte nur wenig Vieh.

 

In diesem Jahre ist die Grabenstraße von der sogenannten Gasthauskirche bis an den Baumgarten des ehemaligen Dominikanerklosters neu gepflastert worden, ebenso die Herrenstraße von der Pastorat bis an die neue katholische Schule. Von hier aus bis an die Gärten wurde sie planiert und mit Grand belegt, ebenso der Schulhof und die Steege zur Monrestraße hin. Auch wurden hier Wasserrinnen angelegt. Die Pumpe die in der Nähe der Schule fast in der Mitte der Straße stand, wurde zur Seite nahe an die Gartenhecke versetzt und der alte Brunnen gedämpft. Dies geschah auf Kosten der Stadt, weil diese die Versetzung der Pumpe veranlaßt hatte, die fernere Unterhaltung der Pumpe fiel aber nach wie vor dem „Pumpenrott“ zur Last.

Im Jahre 1842 wurde der evangelische Pfarrer Roshoff nach Cronenberg und der katholische Pfarrer Horsten zu Altcalcar nach Veert versetzt. An die Stelle des ersteren wurde Herr Gräber und an die Stelle des letzteren Herr Steiner, bis dahin Kaplan zu Geldern ernannt. Am 1. Oktober hat Herr Kaplan Rütjes seine Stelle niedergelegt und eine Reise nach Süddeutschland und Italien angetreten. An seine Stelle kam im November Herr Rudolf Wahl, bisher Kaplan in Büderich, nach hier.
Im selben Jahre hat Herr Steuereinnehmer Haal die beiden alten Häuser Nr. 243 und 244 in der Monrestraße abgebrochen und an deren Stelle ein neues Haus errichtet. Ferner hat Heinrich Knieriem in der Altcalcarstraße zwischen den Häusern Nr. 2 und 3 ein neues Wohnhaus erbaut; es war dort vorher ein freier Platz.
Der Winter 1842/43 war sehr gelinde. Es trat zwar ab und zu Frostwetter ein, die Kälte war aber sehr gut erträglich. Vom 11.Februar ab fiel sehr viel Schnee, der bis Ende des Monats liegen blieb.
 

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Seit langer Zeit war Schnee nicht in solcher Menge gefallen.
Der alte Kirchhof an der katholischen Pfarrkirche wurde im Jahre 1843 angehöht und planiert, wozu mehr als 1000 Karren Grand vom Bollwerk verwendet wurden. Ferner wurden neue Rinnen um die Kirche angelegt. Die Straße von der Wohnung des Küsters bis an die katholische Schule und von dieser bis an die Monrestraße wurde neu gepflastert. Die aus Blei gearbeiteten Dachrinnen der kath. Kirche waren verschlissen und wurden in diesem Jahre durch eiserne ersetzt. An der evangelischen Kirche wurden umfangreiche Reparaturen vorgenommen, zu deren Kosten die Stadt 130 Taler beigesteuert hat.

 

An neuen Häusern wurden in diesem Jahre außer den obenerwähnten gebaut von Wilhelm Becker die Häuser Monrestraße Nr. 245 und 246, von August van Gemmeren das Haus Nr. 247 und von Lambert Gossens das Haus Nr. 2 in der Altcalcarstraße.

Auf den regierungsseitig genehmigten Antrag des Gemeinderates wurden Plan und Kostenanschlag zur Schiffbarmachung des Kalflaks von Calcar bis zur Mündung in den Rhein angefertigt. Hiernach waren die Kosten berechnet worden auf rund 30000 Taler und die Anlage eines Hafens auf 12000 Taler, insgesamt also auf 42000 Taler. Von der Anlegung eines Hafens wurde aber vor der Hand Abstand genommen. Zur Deckung der Kosten für die Schiffbarmachung des Kalflaks wurde ein Zuschuß  von 10000 Taler bei der Regierung beantragt, die noch verbleibenden Kosten von 20000 Talern wollte die Stadt übernehmen. Der Antrag wurde aber vom Ministerium abgelehnt, der Stadt jedoch freigestellt, den Bau auf eigene Rechnung auszuführen. Es wurde nun beantragt, daß der Staat die Mündung des Kalflaks in den Rhein wieder herstellen möge, die Verhandlungen sollten alsdann von neuem aufgenommen werden.
Am 12. Dezember 1843 abends 11 Uhr starb im Alter von beinahe 79 Jahren an Altersschwäche Gerhard Theodor Robbers, Bürgermeister und Notar zu Calcar und wurde am 15. desselben Monats beerdigt. Geboren im Tiergarten bei Cleve, hat er den größten Teil seines Lebens in Calcar verbracht. Er war zuerst Sekretär des Magistrats und des Stadtgerichts von Calcar, dann Kreiseinnehmer der Aemter Altcalcar und Grieth und zuletzt Notar und Bürgermeister von Calcar. Er geriet zwar leicht in
 

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Eifer und Aufregung, war aber auch ebenso schnell wieder besänftigt; er war im übrigen offen, aufrichtig, rechtschaffen, mitleidig und wohltätig. Unter seiner Verwaltung ist hier viel Gutes geschehen.
Der Winter des Jahres 1843/1844 war bei vorherrschendem Süd- und Südwestwind gelinde und naß. Gegen Mitte Januar stellte sich ein kurzer, aber starker Frost ein, so daß der Rhein bald mit Eis trieb. Er hat sich in der hiesigen Gegend aber nicht gestellt. Der Wasserstand war den ganzen Winter hindurch anhaltend niedrig. Am 2. März stieg das Wasser jedoch hier auf 22 Fuß 4 Zoll Pegelhöhe, wodurch die Bürgermeistereien Grieth, Appeldorn und Calcar, darunter auch die Stadt Calcar, zum größten Teil überschwemmt wurden.

 

Seit einigen Jahren wurde Mittwochs, Freitags und Samstags jeder Woche auf dem Marktplatze zu Calcar Gemüsemarkt abgehalten. In diesem Jahre wurde der Markttag von Samstag auf Montag verlegt. Auch fanden bisher im Oktober zwei Flachsmärkte statt und zwar am ersten und am letzten Donnerstag. Der Flachsmarkt am ersten Donnerstag im Oktober wurde ganz aufgehoben, weil er zu früh war und deshalb keine Bedeutung hatte. Der andere wurde vom letzten auf den vierten Donnerstag verlegt, weil der letzte Donnerstag im Oktober von Zeit zu Zeit auf den Tag vor Allerheiligen fiel und der Flachsmarkt dann wegen dieses für einen Markt ungeeigneten Tages wenig besucht wurde.

In diesem Jahre hat Hermann Knieriem sein Haus Nr. 1 in der Altcalcarstraße abgebrochen und wieder neu aufgebaut.
Die Wallstraße wurde von der Altcalcarstraße bis zum Kesseltor ganz planiert und mit Grand und Kies befahren. Ein Teil des Gartens des Heinrich Becker wurde erworben, um der Straße beim Ausgang am Kesseltor eine gerade Richtung zu geben. Die Pflasterarbeiten haben etwa 74 und die Erdarbeiten 70 Taler gekostet.
Im Februar des Jahre 1844 hat Johann Baptist Lenz bis dahin Notar in Waldbroel, das Notariat in Calcar angetreten.
Der Winter 1844/45 war anhaltend strenge. Im Dezember herrschte eine derartige Kälte, daß fast alle Flüsse in den Niederlanden zufroren. Mitte März wurden 15 bis 16 Grad Kälte gemessen. Am 4. März setzt sich der Rhein in der hiesigen Gegend fest. Die ältesten Leute erinnerten sich nicht, daß dies je so spät geschehen. Am 22. März stellte sich
 

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plötzlich starkes Tauwetter ein und am 24. März setzte sich der Rhein in Bewegung. Bei Grieth staute das Eis sich und schob sich bis zu einer Höhe  von 15 Fuß übereinander. Einige Tage darauf kam wieder Bewegung in die Eismassen und bald darauf war der Rhein wieder glücklich eisfrei. So endete der Winter, nachdem mit kleinen Unterbrechungen stets eine große Kälte geherrscht hatte.
Es war hier eine allgemeine Sage, und man erzählte es sich als eine Merkwürdigkeit, daß vor hundert Jahren – es wurde das Jahr 1740 genannt, - Ostereier auf dem Eise des Rheines gegessen worden seien. Dieses ist tatsächlich auch in diesem Jahre geschehen. Am Ostertage, den 23. März, sind in der hiesigen Gegend vielerorts die Ostereier auf dem Rheineise gegessen und abends auf dem Eise Osterfeuer angezündet worden. Es geschah hierbei einige Male, daß, während man sich noch mit den Feuern beschäftigte, das Eis sich in Bewegung setzte und die Eisschollen mit den hell brennenden Feuern den Rhein hinabtrieben. Es ist vorgekommen, daß sich einzelne, die der Gefahr trotzten und bis zum letzten Augenblick beim Feuer blieben, nur mit Mühe das Ufer wieder erreichen konnten.

 

Durch den starken Andrang des Wassers vom Oberrhein  zeigte der Pegel am 30. und 31. März einen Wasserstand von 22 ½  Fuß und am 4. April stieg das Wasser bis zu 23 Fuß 11 Zoll. Es lief über alle Sommerdeiche und die Stadt Calcar und Umgegend  standen vom 31. März bis 6. April ganz unter Wasser. Eines solch hohen Wasserstandes bei einem blanken Wasser wußte sich niemand zu erinnern. Außer einem  Durchbruch im Deiche bei Wissel erlitten die Deiche keine besonderen Beschädigungen und sonstige Unglücke sind bei diesem Hochwasser hier nicht vorgekommen.

Die Grabenstraße wurde von dem Markt liegenden Eckhause bis über die Klostersteege hinaus neu gepflastert und weiterhin bis an die Serviettenstraße planiert. 
Herr Steuereinnehmer Haal ließ das Haus Nr. 137 auf der Grabenstraße abbrechen und ein neues an dessen Stelle aufbauen. (Jetzige Haus de Poel).
Die Ernte des Jahres 1845 war im allgemeinen gut, doch waren die Kartoffeln, obwohl sie anfangs viel versprachen , fast ganz mißraten. Schon früh im Sommer trat bei Utrecht in Holland eine bösartige Kartoffelkrankheit auf, die sich immer mehr ausbreitete und auch in unserer Gegend ihren Einzug 

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hielt. Die Kartoffeln bekamen äußerlich schwarze und innerlich rötliche Flecken oder Ringe; gekocht hatten sie einen üblen Geruch und Geschmack und waren für Menschen nicht genießbar. Doch wurden sie noch als Futter für das Vieh verwendet. Das Wasser, in dem Kartoffeln gekocht wurden, mußte mehrmals abgegossen und durch frisches ersetzt werden, weil der Gestank, den es verbreitete, unerträglich war. Am besten war es, die Kartoffeln in Dampf zu kochen. Kartoffeln auf schweren Boden wurden am stärksten von der Krankheit befallen. Die auf leichtem, sandigen Boden gewachsenen waren besser geraten und hielten sich in Sand gelagert, auch einigermaßen. Die ältesten Leute erinnerten sich nicht des Auftretens dieser Kartoffelkrankheit. Die Ursache derselben war auch unbekannt und wurde nicht ermittelt. Der Nässe des Jahres konnte sie nicht gut zugeschrieben  werden, weil diese in früheren Jahren mitunter bedeutend größer war und trotzdem sich diese Krankheit nicht gezeigt hatte. Daß die Kartoffeln durch diese Mißernte knapp und teuer wurden, braucht nicht besonders hervorgehoben werden; der Sack kostete 2 Taler und darüber.


Am 17. Februar starb Peter Reiner Wolff nach einem dreiwöchigen Leiden an der Wassersucht. Er war geboren zu Calcar am 26. Februar 1769, begann seine Studien an der hiesigen Rektoratsschule und beendete sie an der damaligen Hochschule in Köln. Am 13. November 1796 wurde er daselbst zum Priester geweiht, wurde Vikar an der hiesigen Pfarrkirche und Rektor der Rektoratsschule, welches Amt er mit großem Eifer sieben Jahre inne hatte. Bei der Neuorganisation der Pfarreien im Jahre 1804 wurde er Pfarrer von Altcalcar. Zuletzt war er Vikar der Willemsen-Stiftung. Nachgerühmt wurde ihm seine Leutseligkeit, Herzensgüte und Mildtätigkeit. Seine Stelle erhielt Herr Heinrich Rütjes, früher Kaplan an der hiesigen Kirche.

Im Frühjahr hat die Familie Schnapp damit begonnen, in einem vor dem Kesseltor neuerbauten Kalkofen Kalk zu brennen.
Am 5. August wurde Johann Hermann Eduard Backer als Bürgermeister seiner Heimatstadt von dem Landrat von der Mosel auf dem Ratshause vereidigt und in sein Amt eingeführt. Er war, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, früher Bürgermeisterei-Sekretär von Calcar und seit 1833 Bürgermeister von Appeldorn. Seit dem Tode des Bürgermeisters Robbers leitete der erste Beigeordnete 

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Hangkamer die Verwaltung der Bürgermeisterei Calcar.
Am 16. Dezember 1844 hat die katholische Kirchenverwaltung von den Eheleuten Johann Josef van der Heyden und Gerharda Verfürden das an der Herrenstraße gelegene Haus nebst Garten für 1400 preuß. Talern erworben, um es als Wohnung für den zweiten Kaplan einzurichten. Nachdem die Genehmigung zu diesem Ankauf höheren Orts erteilt worden war, wurde der Kaufakt vor dem Notar Lenz am 20. August 1845 getätigt. Der zweite Kaplan, Herr Wahl, bewohnte dieses Haus bereits seit einiger Zeit zur Miete.
Am 14. Juli starb der Jubilarküster an der hiesigen Pfarrkirche Theodor Scherder. Er war geboren zu Kessel am 18. Mai 1767 und Küster hierselbst seit dem 6. Mai 1792. Ihm folgte im Amt sein Sohn Johann Scherder.

 

Im Herbst des Jahres 1845 stiegen alle Lebensmittel außerordentlich im Preise; u. a. Kostete ein  Brot von 10 Pfd. 8 bis 9 Groschen. Die Ursache dieser Preissteigerung war die Kartoffelmißernte. Zur Linderung der Not wurden Listen in der hiesigen Stadt in Umlauf gesetzt, in denen Begüterte Geldspenden eintragen konnten. Es kamen 225 Taler auf, für die Roggen zur Brotherstellung gekauft wurde. 124 bedürftige Einwohner bzw. Familien erhielten Brotspenden und zwar in den Monaten Januar, Februar und März wöchentlich ein ganzes oder ein halbes Brot je nach der Größe der Familie. Ein Brot von 10 Pfd. Wurde für 4 Groschen ausgegeben. Die notorisch Armen blieben aber von dieser Spende ausgeschlossen und fielen nach wie vor dem Armenfond zur Last.

Der Anfang des Jahres 1846 stand wieder unter dem Zeichen des Hochwassers. Den höchsten Wasserstand verzeichnete der Pegel am 30. Jan.; das Wasser hatte an diesem Tage eine Höhe von 22 Fuß 6 Zoll erreicht. Im Wisselschen Deiche entstand ein Durchbruch. Das Wasser lief über die Deiche zwischen Calcar und Grieth und die Stadt Calcar und Umgegend wurden überschwemmt. Der Marktplatz stand 3 bis 4 Tage unter Wasser.
Im Monat Juni 1846 wurde der erste Kaplan Herr Theodor Langen von hier als Kaplan nach St. Hubert versetzt; an  seine Stelle trat Herr Kaplan Wahl. Als zweiter Kaplan wurde Herr Karl Jaspers aus Emmerich ernannt; derselbe hat seine Stelle im August angetreten. 

 

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Am 31. Juli starb Dr. med. Peter Koenen, Mitglied des Kirchenrats. Als sein Nachfolger ließ sich Herr Dr. Josef Hangkamer als Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer hier nieder.
In der Nacht vom 27. zum 28. September 1846 entschlummerte Herr Johann Heinrich Janssen Kantonpfarrer von Calcar, nach einem kurzen Leiden sanft zu einem besseren Jenseits. Am Morgen des 28. September 1846 wurde er tot in seinem Bett aufgefunden. Er lag, als wenn er schlief, keinerlei Anzeichen eines Todeskampfes waren an ihm wahrzunehmen. Solange er hier gewesen, war er schwach und kränkelnd, er litt besonders an Verschleimung und Magenschwäche. Am 10. Oktober 1789 zu Schierwaldenrath im Kreise Heinsberg geboren, begann er in seinem Heimatorte seine Studien und setzt sie später in Köln fort. Am 5. März 1814 wurde er  in Münster zum Priester geweiht und am 12. desselben Monats vom Generalvikariat Aachen als Vikar der Muttergottes-Kapelle nach Kevelaer berufen. Am 28. Februar 1818 wurde er dann Rektor dieser Kapelle und zum Oeconom des ehemaligen Oratoriums daselbst ernannt. Hier erhielt er dann noch seine Ernennung als Examinator synodalis für die Kantone Geldern, Goch und Cranenburg. Am 30. Nov.  1833 wurde er als Kantonpfarrer von Calcar ernannt und am 30 Dezember feierlich eingeführt. Bei der Errichtung der Dekanate  im Jahre 1837 wurde er am 29. August desselben Jahres Landdechant  des Dekanates Calcar. Nach seinem Tode hat der erste Kaplan Herr Wahl die Pfarre bis Dezember verwaltet. 

 Am 3. Dezember 1846 wurde Herr Kaplan Stephan van Haag von dem Bistumsverweser Dr. Melchers vorläufig als Verwalter er verwaisten Pfarre ernannt. Er war für die definitive Besetzung der erledigten Pfarrstelle ausersehen, konnte aber als Pfarrer aus bestimmten Gründen nicht sofort ernannt werden. Er hat sein Amt als Pfarrverwalter am 1. Januar angetreten. 

Herr van Haag war am 23. Juni 1799 zu Till geboren. Nachdem er einige Jahre bei dem Pfarrer Janssen zu Grieth Privatunterricht genossen hatte, ging er Herbst 1812 zum Gymnasium in Dorsten, wo er die drei oberen Klassen absolvierte. Im Herbst 1815 begab er sich nach Münster, wo er bis Ostern 1820 Philosophie und Theologie hörte, ging darauf nach Bonn und setzte auf der Universität daselbst seine Studien noch 2 ½ Jahre fort. Im Herbst 1822 

 
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trat er in das Seminar zu Köln ein, als aber um Ostern 1823 die Clever Gegend mit dem Bistum Münster vereinigt wurde, ging er von Köln wieder nach Münster, wo er sofort zu den Examinas zugelassen und am 28. Juni zum Priester geweiht wurde. Im August desselben Jahres trat er die zweite Kaplanstelle in Calcar an, die er bis zum 1. November 1827 inne hatte. Alsdann kam er als jüngerer Kaplan nach Rees. Als solcher hat er am 23. Dezember die neue Kirche zu Rees im bischöflichen Auftrage benediciert. Als der erste Kaplan Wampach am 3. September 1839 starb, wurde Herr van Haag zu seinem Nachfolger ernannt. Diese Stelle bekleidete er bis zum  1. Januar 1847, dem Tage des Antritts seines neuen Amtes in Calcar.

 

Im Jahre 1846 hat Abraham Spier das Haus auf der Ecke der Wall- und Altcalcarstraße abbrechen und ein neues errichten lassen. In der Serviettensteege wurden zwei neue Wohnungen für die katholischen Armen gebaut und im Kloster-Armenhof vier weitere Wohnstuben eingerichtet. Größere bauliche Änderungen  wurden auch in der  kath. Pastorat vorgenommen.

 Die Chaussierung des Gocherweges, soweit er im Bürgermeistereibezirk liegt, wurde in diesem Jahre vollendet. 
Am 26. Juli 1846 wurden die am 15. Mai 1845 neu entworfenen Statuten der Hagenschen Studienstiftung  vom Ministerium auf Grund einer Allerhöchsten Kabinettsorder genehmigt und im hiesigen Pfarrarchiv hinterlegt. 
Im Herbst 1846 waren die Herren Direktor Schadow und Professor Büsen  aus Düsseldorf und der Generaldirektor der Museen in Berlin, von Olfers, in dienstlichem Auftrage hier anwesend, um in der Kirche diejenigen Gemälde zu ermitteln, die auf Staatskosten restauriert werden sollten. Es wurden hierfür nur die Gemälde des Hochaltars und die Kreuzigung Christi auf dem St. Joahnnischor aus ersehen. 
Ende 1846 betrug die Bevölkerung der Bürgermeisterei Calcar 2673 Katholiken, 479 Protestanten und 86 Juden, zusammen 3238 Seelen; davon entfielen auf die Stadt Calcar 1842 Katholiken, 116 Protestanten und 83 Juden, insgesamt 2041 Seelen. 
Der Winter 1846/47 war anhaltend kalt; von Anfang Dezember 1846 bis Mitte März 1847 herrschte mit geringen Unterbrechungen Frost und es fiel viel Schnee.

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Der Roggen war im Jahre 1846, wie bereits erwähnt ganz mißraten. Durch diese Mißernte entstand im Winter 1846/47 große Not. Die Stadtverwaltung sah sich deshalb veranlaßt, besondere Maßnahmen zur Linderung derselben zu ergreifen. Sie richtete eine Suppenanstalt für gewöhnliche Arbeiter und kleinere Handwerker  ein. Die notorisch Armen hatten keinen Anteil hieran. Die Suppe wurde von Erbsen, Kartoffeln, Gerste und etwas Speck gekocht und vom 21. Januar 1847 bis zum 1. April täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, insgesamt an 59 Tagen, verabreicht. Während dieser Zeit sind ausgegeben worden 28 Portionen zu 1 ½ Quart oder 1652 Portionen und 68 Portionen zu 2 ½  Quart oder 4012 Portionen gegen Bezahlung und später im April noch 372 Portionen unentgeltlich. Jede Portion kostete etwa 12 Pfg.  Aus abgehaltenen Konzerten kamen der Suppenanstalt 9 Thl. Zugute und der Rest wurde aus Gemeindemitteln bestritten. Wie groß die Not war, läßt sich  daraus ersehen, daß im Winter ein Malter Roggen 12-14 Thl. Und ein Sack Kartoffeln von 2 Scheffeln 2 Thl. kostete. Im Mai und Juni stieg der Roggen auf 21. Thl. Pro Malter und die Kartoffeln auf 3-4 Thl. Pro Sack und doch konnte man bei den Kartoffeln nicht von einer Mißernte sprechen. Die starke Ausfuhr nach dem nahen Holland wirkte aber preistreibend. Auf dem hiesigen Wochenmarkte kostete ein Viertel Spint oder Metz 4 Sgr. und mehr. Ein Brot im Gewichte von 10 Pfd. erreichte den Preis von 14. Sgr. 2 Pfg. Ohne Zufuhr aus Rußland und besonders aus Amerika wäre ein gänzlicher Mangel an Getreide und wahrscheinlich ausgesprochene Hungersnot entstanden.

Die Auswanderungen nach Amerika, welche seit einigen Jahren stark zugenommen hatten und die schlechten Zeiten im Vaterlande brachten auch hier einige Familien auf den Gedanken, auszuwandern, durch dringendes Abraten gaben sie aber ihren Plan wieder auf.

Frühling und Sommer des Jahres 1847 waren sehr günstig für das Gedeihen der Früchte, auch war die Ernte gut ausgefallen. Der Buchweizen war jedoch mißraten, die Kartoffeln waren auch wieder von der Kartoffelkrankheit des Vorjahres befallen. Obst gab es in großer Menge, ein Sack Äpfel war für 10 Sgr. zu haben.

 

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In diesem Jahre wurde an Stelle des verstorbenen Landdechanten Janssen Herr Pfarrer Peter zu Niedermörmter als Landdechant des Dekanates Calcar ernannt.
Am 17. Februar 1847 starb Gerhard Hagedorn in einem Alter von 89 Jahren. Er war ein Wohltäter der hiesigen Pfarrkirche. Vor mehreren Jahren hatte er ihr ein ansehnliches Kapital zur freien Verfügung überwiesen, ferner hat er an der hiesigen Kirche 4 und zu Altcalcar 2 Anniversarien gestiftet. 
In diesem Jahre wurde an der hiesigen katholischen Schule noch eine vierte Klasse eingerichtet und der Hilfslehrer Anton Cornelius aus Düsseldorf als Lehrer nach hier berufen. Er starb aber bereits am 14. Juli. An seine Stelle wurde Friedrich Hartwich ernannt. 
Der Friedhof für die katholischen Einwohner war zu klein geworden. Zu seiner Erweiterung wurde von der hiesigen Kirche ein Garten und vom Staate  ein öder Platz angekauft. Der Garten kostete 80 und der Platz 30 Taler. Letzterer war bei Anlegung der neuen Landstraße tief ausgegraben worden und glich einer Sandgrube. Die Stadt hatte ihn 1846 ausfüllen und planieren lassen. Am Weißen Sonntag nach dem Hochamte zog eine Prozession aus der Pfarrkirche nach dem Friedhofe, wo Herr Pfarrverwalter van Haag eine Ansprache hielt und alsdann  den neuen Teil des Friedhofes einweihte.

 Am 13. November starb Witwe Matthias Frambach geborene Margareta Tenback, bekannt durch ihre und ihres Mannes Vermächtnisse an die hiesige Kirche. Mit ihrem Tode trat diese in den vollen Genuß der Stiftungen, deren lebenslängliche Nutznießung sich die Eheleute Frambach vorbehalten hatten.

Seit langen Jahren bestand bei der hiesigen Kirche eine Rektoratschule, in der Schüler auf das Gymnasium vorbereitet wurden. Der Rektor dieser Schule war zugleich Vikar  bei der hiesigen Kirche. Letzter Rektor war Vikar Wolff, der bis 1804, wo er Pfarrer von Altcalcar wurde, der Schule vorstand. Der Unterricht unterblieb nun mehrere Jahre und zwar hauptsächlich deshalb, weil es an einem Geistlichen fehlte, der sich mit der Schule befassen wollte. Es waren aber auch keine Mittel vorhanden, den Leiter der Schule ausreichend zu entschädigen. Indessen war es stets der Wunsch des Kirchenrats, die Rektoratschule wieder aufleben
 

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zu lassen, weil sie für das Ansehen der Stadt von Bedeutung, dann aber auch in kultureller Hinsicht für die Stadt und Umgegend von Wichtigkeit war. Als daher Herr Rütjes im Jahre 1837 als zweiter Kaplan hier angestellt wurde, hat er auf Ersuchen des Kirchenrats die Schule wieder übernommen und als er im Jahre 1842 die Kaplaneistelle niederlegte, hat sein Nachfolger Herr Wahl den Unterricht fortgesetzt. Durch dessen Krankheit wurde Ostern 1847 der Unterricht abermals unterbrochen, bis schließlich am 1. Dezember desselben Jahres Herr Kaplan Jaspers und Herr Vikar Wolff sich den Unterricht teilten. 
Bereits seit langer Zeit lag es in der Absicht des Kirchenrats , die Gemälde der hiesigen Nikolai-Pfarrkirche reinigen und restaurieren zu lassen, weil dieses, wie Sachverständige behaupteten, not tat. Allein es fehlte  einerseits an Mitteln, die Kosten zu bestreiten, andererseits wußte man nicht so recht, wem man diese wichtige Arbeit anvertrauen sollte. Von mehreren Sachkennern wurde schließlich der Maler Groen aus Cleve als hierfür geeignet in Vorschlag gebracht und infolgedessen beschlossen, mit ihm einen Versuch zu machen. Es wurde mit ihm 1845 das Übereinkommen getroffen, das Gemälde, darstellend den Tod Marias, und die Flügel des St. Johannis-Altars für 75 preuß. Taler zu restaurieren. Nach Verlauf von mehr als einem Jahre war Groen mit dem südlichen Flügel fertig und er war auch schon mit dem nördlichen Flügel vorgeschritten, als durch eine Verfügung der Regierung zu Düsseldorf vom 22.Januar 1846 die Restauration bis auf weiteres eingestellt werden mußte. Die beiden Flügel wurden nun von Groen wieder abgeliefert und man fand sich für die geleistete Arbeit mit 27 Talern 20 Sgr. ,  mit ihm ab. Das Staatsministerium, das seit langer Zeit einen großen Wert auf die Erhaltung der Gemälde der hiesigen Kirche legte, veranlaßte, wie bereits einmal erwähnt, daß im Herbste 1846 Herr von Olfers, Direktor der Museen in Berlin, Herr von Schadow, Direktor der Kunstakademie zu Düsseldorf und Herr Prof. Büsen sich nach Calcar begaben um sich von dem Zustande der Gemälde zu vergewissern und gemeinschaftlich zu bestimmen, welche von ihnen auf Kosten des Staates zu restaurieren sei. Diese Herren sprachen sich dahin aus, daß nur die Gemälde des Hochaltars und die Kreuzigung Christi als von ganz besonderem Werte auf Staatskosten

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wiederherzustellen seien, die Kirche die Restauration der übrigen Gemälde aber aus eigenen Mitteln bestreiten müsse. Im April 1847 meldete sich Stanislaus de Pereira aus Amsterdam, wohnhaft in Neuwied, mit den besten Zeugnissen versehen, hier an und erbot sich, die Kirchengemälde sachgemäß zu reinigen. Man wurde mit ihm einig und er hat denn auch wirklich alle Gemälde der Kirche, mit Ausnahme der beiden von Groen restaurierten Flügel des Johannis-Altars, gereinigt. Für diese Arbeit erhielt er 238 Taler. Außerdem hat er sämtliche Schnitzereien gereinigt, mit Ausnahme des vergoldeten Georgs-Altars, wofür er 100 Taler erhielt.
Im Jahre 1847 wurde der Neubau des Hauses des Lambert Gossen in der Altcalcarstraße vollendet; von der Ecke der Wallstraße bis zum Altcalcartor war nunmehr eine geschlossene Häuserreihe hergestellt. Bisher standen dort nur alte verfallene Häuschen oder es waren leere Plätze vorhanden.

 Der Winter des Jahres 1847/48 war bis zum 19. Dezember sehr milde. Dann aber setzt eine strenge Kälte ein, so daß der Rhein Mitte des Monats Januar zugefroren war. Am 5. Februar löste sich das Eis aber auf und der Eisgang ging vorüber, ohne daß der Rhein aus seinen Ufern trat. 

Frühling und Sommer des Jahres 1848 waren für das Gedeihen der Feldfrüchte sehr günstig. Die Getreideernte war gut, Flachs und Tabk waren zufriedenstellend; das Obst aber war mißraten.
Von der Revolution des Jahres 1848 war hier hier im allgemeinen nicht viel zu spüren, es blieb alles ruhig. 
Am 27. Juli 1848  starb der hier praktizierende Arzt Dr. Josef Hangkamer, betrauert von der ganzen Einwohnerschaft und der Umgegend. In der kurzen Zeit seiner Tätigkeit hat er sich durch seine Umsichtigkeit und Tüchtigkeit, sowie große Menschenfreundlichkeit die Achtung und Verehrung aller erworben. An seiner Stelle ließ sich Herr Dr. Balduin Mönnig als Arzt hier nieder.
Der erste Kaplan, Herr Wahl von hier, wurde im Juli zum Pfarrer von Qualburg ernannt und im Monat September daselbst eingeführt. Die erste Kaplanstelle an der hiesigen Kirche wurde nun Herrn Kaplan Jaspers übertragen. Zweiter Kaplan wurde Herr Josef Frankeser, geboren zu Boisheim am 22. April 1825. Derselbe war um Ostern 1848

 

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in Münster zum Priester geweiht; er hat die hiesige Stelle am 1. November 1848 angetreten.
Die Pfarrkirche war zuletzt im Jahre 1818 gekälkt (geweißt) worden; ein Neuanstrich war daher notwendig geworden. Viele waren der Ansicht, daß das Kälken (Weißen) bei einer alten Kirche wie der unsrigen nicht angebracht sei und da man unschlüssig war, welche Farbe man ihr geben solle, wurde es für zweckmäßig gehalten, mit dem Dekorateur Stephani aus Köln, der gerade mit der Verschönerung der Kirche in Cleve beschäftigt war, Rücksprache zu nehmen. Dieser war ebenfalls nicht für das Weißen, sondern er schlug vor, der hiesigen Kirche einen ähnlichen Anstrich zu geben, wie ihm die Clever Kirche erhalten habe. Bei der dann von Herrn Stephani vorgenommenen Besichtigung der Kirche erklärte er, daß d die Wände und Pfeiler, welche sehr uneben waren, wenn nicht ganz, so doch zum größten Teil abgekratzt und neu verputzt werden müßten, wenn etwas Gutes geschaffen werden solle. Von den Proben, die er hier in der Kirche gemacht hatte, wurde eine in Gelbgrünliche fallende Farbe angenommen, bestehend aus Umbra, Ocker und einem Grün, genannt ,,Kölnische Erde“.

 Der Anstrich wurde, wie es sich von selbst versteht, mehr oder weniger dunkel, je nachdem mehr oder weniger Umbra, Ocker oder Grün (Tarvett) beigemischt war, daher erklären sich auch die verschiedenen Farben der Wände, Pfeiler und der ,Gräten“ am Gewölbe. Die vorgenannten Farben wurden mit Kalk vermischt und hiermit der Anstrich in der gewöhnlichen Art ausgeführt. Die Striche längs der Gräten am Gewölbe waren von Neurot, gemischt mit Leimwasser, dagegen die Verzierungen an den Säulen, wozu mahagonierot und gelber Ocker gebraucht war, von Oelfarbe. Herr Stephan hat die Leitung und Beaufsichtigung der Arbeiten übernommen. Später unternahm er es auch noch, das Tabernakel auszubessern, das Fehlende zu ersetzen, das Ganze in den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen und nach dem alten Stil zu verzieren. Dafür erhielt er 90 pr. Taler.

Mit den obenerwähnten Arbeiten wurde am 10. August begonnen. Am 16. Oktober war das Hochchor, mit dem der Anfang gemacht worden war, fertig. Alsdann wurde mit dem Johannischor begonnen und dieses binnen einem Monat fertiggestellt. Das Gewölbe dieser Chöre mußte oftmals ausgebessert 

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und die Wände abgekratzt und neu verputzt werden.
Beim Abkratzen der Wände fand man, daß ursprünglich mehr Vertiefungen in den Wänden der beiden Chöre waren, die aber später zugemauert worden sind. Sie haben jedenfalls ganz bestimmten Zwecken gedient. Offen geblieben sind die Vertiefungen hinter dem Hochaltar und dem Johannisaltar.
Seit längerer Zeit vermutete man, daß hinter dem Hochaltar ehemals noch ein Altar gestanden habe, weil der Rand eines Tisches aus der Mauer hervorragte, der wie man meinte, als Altartisch gedient haben müsse. Wirklich fand man nun in der Mauer eine Kapsel von etwa zwei Zoll Breite, Länge und Höhe mit einem frei aufliegenden Deckel. Sie enthielt mehrere Reliquien und ein Siegel aus Wachs, das einen Bischof darstellte mit der Umschrift: S. Conradi venecomponensis ep., das heißt: Sigillum Conradi venecomponensis Episcopi. Derselbe war Weihbischof von Köln und hat  am 24. Juni 1448 hier in der Kirche zwei Altäre konsekriert, nämlich den Hochaltar und aliud parvum altare conveniens temporibus necessitatis et interdicti. Dieser letztere ist ohne Zweifel derjenige Altar, aus dem jetzt, am 10. August 1848, die Reliquien genommen worden sind.(Anmerkung: Danach ist von Weihbischof Conradi außer dem Hochaltar noch ,,ein anderer kleiner Altar für Zeiten der Bedrängnis  und des Interdikts „ geweiht worden. Interdict bedeutet kirchenrechtlich eine Unordnung (Zensur), welche an gewissen Orten  oder für gewisse Personen die Vornahme kirchlicher Funktionen oder Spendung gewisser Sakramente verbietet. Der vorerwähnte kleine Altar war also ein Notaltar, an dem der Priester, abgeschlossen von der Oeffentlichkeit, z. B. die Messe lesen konnte. 

 
Nachdem die beiden Chöre vollendet waren, wurde beschlossen, im Laufe des Winters, soweit es die Witterung zuließ, das Gewölbe ausbessern und die Wände und Pfeiler abkratzen zu lassen. Diese Arbeiten wurden nach Allerheiligen, und zwar am 13. November, in Angriff genommen und konnten gegen Weihnachten als beendigt angesehen werden. Das Gewölbe mußte an vielen Stellen mehr oder weniger ausgebessert werden, es war jedoch nicht erforderlich, dasselbe ganz abzukratzen, dagegen ließ sich dieses bei den Wänden und Säulen nicht umgehen, weil sie zu sehr uneben und höckerig waren und 

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auch die Kalkschicht nicht mehr gehörig hielt. Der Leiter der Arbeiten, Herr Stephan, war zwar anfänglich der Meinung, daß die Kirche ursprünglich unterhalb der Fenster bemalt gewesen sei, man hat jedoch keine Spur hiervon gefunden. Dagegen schien der Bogen über dem Muttergottes-Chor ganz bemalt gewesen zu sein. Bruchstücke eines Gemäldes ließen vermuten, daß dasselbe das jüngste Gericht darstellte. (Anmerkung: Die Vermutung war, wie wir wissen richtig.) Ebenso waren an dem Pfeiler westlich des Pfeilers, an dem sich jetzt die Kanzel befindet, sowie an dem Parallelpfeiler des nördlichen Seitenschiffes einige Malereien wahrzunehmen; sie waren jedoch sehr beschädigt. Der vorerwähnte Bogen an dem Muttergottes-Chor wurde bei dieser Gelegenheit um 9 Fuß 8 Zoll in der Höhe und um 1 Fuß  4 Zoll in der Breite erweitert. Auch fand man neue Beweise, daß dieses Chor früher als die Kirchenschiffe und das Hochchor, das Südportal und die Sakristei aber später als die Kirche gebaut worden sind. Zur Erleichterung der Arbeiten am  Gewölbe wurde ein fliegendes Gerüst von 14 Fuß Länge und 6 Fuß Breite nach Anweisung des Bauleiters Stephan hergestellt. Auf demselben konnten etwa 5 Personen zugleich arbeiten. Es war von allen Seiten zur Vermeidung der Absturzgefahr von einem Geländer umgeben. Mittels zweier starker Seile und eine Flaschenzuges wurde das Gerüst in die Höhe gezogen und die Seile auf dem Gewölbe an einem Balken oder an sonst geeigneter Stelle befestigt. Um das Gerüst zu verlängern, wurde erforderlichenfalls eine Brücke hergestellt. Man zog zu diesem Zwecke einen waagerecht liegenden Balken bis zur Höhe des Gerüstes empor, befestigte die Seile, an denen der Balken emporgezogen war, auf dem Gewölbe und legte Bretter in der Weise, daß sie mit dem einen Ende auf dem Gerüst und mit dem anderen auf dem Balken ruhten. Früher waren im Gewölbe mehrere Oeffnungen, nur drei ließ man bestehen, die übrigen wurden verdeckt.

 In diesem Jahre wurde der untere Teil der Grabenstraße an der Westseite des Mittelgrabens von der Serviettensteege bis unten planiert und die Ostseite von der Scheune des Friedrich Theißen bis zur Loge gepflastert.

Am 16. Oktober weilte Johann Georg Müller, Bischof von Münster, welcher in Cleve, Goch und Cranenburg die Firmung gespendet hatte, auf seiner Rückreise einige Stunden in der hiesigen Stadt,
 

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besichtigte die Kirche und bewunderte ihren schönen Bau; auch äußerte er seine Zufriedenheit mit den unternommenen Arbeiten. Von den Kunstwerken der Kirche hat er aber nur den Hochaltar gesehen, da wegen der Arbeiten alles andere zugedeckt war. 
Im Laufe des Sommers hat Hermann Berendonk das Haus Nr. 271 in der Monrestraße abgebrochen und an derselben Stelle ein neues Haus erbaut.
Von jeher war es hier Ueberlieferung, daß Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der berühmte Reitergeneral Friedrichs des Großen, in Calcar und zwar in dem Hause 335 der Altcalcarstraße geboren worden ist. Auch befinden sich im hiesigen Stadtarchiv einige von einem Rittmeister von Seydlitz ausgestellte Quittungen. Dieser hat einige Jahre hier in Garnison gestanden und ist der Vater des Generals von Seydlitz. Eine der Quittungen lautet: Laut Billettierungs- und Servisrolle der Stadt Calcar pro Oktobri, Novembri und Dezembri 1724 heißt es bei den Ausgaben Nr. 2 für jeden der genannten Monate: Laut Attest und Quittungen des Herrn Rittmeisters von Seydlitz ist denen Beweibten von seiner Kompagnie an Servis bezahlt 10 rt. Das Attest hat folgenden Wortlaut: ,,Daß denen Beweibten von meiner Kompagnie ihr in jenen Winter-Monaten zugelegter Servis, als
                                                 dem Trompeter Luckou,
                                                denen Leuthen Sartorius, Muller,
                                                 Schirr, Moddenberg, Eggert, Hauer,
                                                Polmann, Rautzenberg und Steedig
jedem ein Rt. monatlich als in Summa vor dem Monat October a.c. auf zehn Mann zehn rt. richtig bezahlt worden, bescheinigt hiermit quittierend 
Calcar, den 24 October 1724.
                                                                                                          F.v. Seydlitz.
In Calcar bestand früher eine lutherische Gemeinde, die aber keinen eigenen Prediger hatte, sondern von den Predigern der benachbarten Gemeinden mitbedient wurde. Da sich nun in den hiesigen Kirchenbüchern nicht fand, daß Friedrich Wilhelm v. Seydlitz hier getauft worden, so hat sich nach eingehenden Nachforschungen ergeben, daß er laut Taufbuch von dem lutherischen Prediger zu Rees, von dem um die gleiche Zeit mehrere Kinder von in Calcar garnisonierenden Militärpersonen getauft worden sind, getauft wurde. Im allgemeinen Nationalkalender für das Schaltjahr 1836 findet 

 

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sich folgende Lebensbeschreibung des Generals Freiherrn von Seydlitz:
,, Friedrich Wilhelm von Seydlitz wurde am 3. Februar 1721 zu Calcar im Herzogtum Cleve geboren, wo sein Vater als Rittmeister im Dragoner-Regiment ,,Sonsfeld“  stand. Ebenfalls zum Kriegsdienste bestimmt, erhielt der Knabe eine seinem dereinstigen Berufe entsprechende Erziehung. Im 7. Jahre saß er schon zu Pferde, ritt bald mit Erwachsenen um die Wette und scheute keine Gefahr. Der Vater, der inzwischen als Eskadronschef in das Kürassierregiment des Markgrafen Friedrich Wilhelm nach Schwedt versetzt worden war, freute sich des mutigen Knaben und erzählte dem Markgrafen von demselben, der an Wagnissen jeder Art großen Gefallen hatte. Bevor jedoch der Sohn das 8. Jahr erreicht hatte, starb der Vater und die Erziehung fiel der Mutter anheim, die nur wenig für ihn tun konnte, aber ihn doch zu Freienwalde in der Neumark in die Schule schickte, in der jedoch sein Lernen so wenig zunahm, als seine Wildheit abnahm. Der Markgraf blieb fortwährend aufmerksam auf den Knaben und wählte ihn, als er noch nicht 14 Jahre alt war, zu seinem Pagen. Dieser Markgraf hatte die Ausgelassenheit seiner Jugend mit ins Mannesalter hinübergenommen und vollführte fortwährend die tollkühnsten Streiche und den gewaltigsten Uebermut. Die wildesten Pferde wurden bestiegen, die halsbrecherischsten Sprünge gewagt und jeder Gefahr und Schwierigkeit getrotzt. Einem solchen Herrn und einer solchen Lebensweise war der 14jährige Knabe überlassen, aber diese Schule, die sein Verderben zu werden drohte, hat seine größten Fähigkeiten entwickelt. So ritten die beiden öfter zwischen den laufenden Flügeln einer großen Windmühle hindurch. Dieses Wagestück wurde von Seydlitz in späteren Jahren als er schon General der Reiterei war, in Weißenfels bei  Grottkau vor vielen Zeugen wiederholt. Vier Jahre vollführte Seydlitz dieses Leben  bei dem Markgrafen, der ihn im 17. Jahre als Cornet in seinem Regiment anstellte, das zu Belgard in Pommern garnisonierte. Hier stand Seydlitz nur wenig über ein Jahr, als der erste schlesische Krieg ausbrach. Das Regiment, das an diesem Kriege teilnahm, hielt das Städtchen Kranowitz bei Ratibor besetzt. Von Rochow, Oberst des Regiments, der Seydlitz abhold war, weil er ihn für einen Spion des Markgrafen hielt, hatte vernommen, daß 5000
 

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bis 6000 Ungarn gegen ihn in Anmarsch seien, weshalb er Seydlitz Befehl gab, einen gefährlichen Posten in einem naheliegenden Dorfe mit 30 Kürassiren zu besetzen und sich dort zu halten, bis Fußvolk zu seiner Unterstützung ankomme. Seydlitz hielt sich mehrere Stunden lang gegen diese Übermacht und erst als ein Teil seiner Leute verwundet, das Feuer wegen Mangel an Munition nicht fortgesetzt werden konnte und nirgends ein Ausweg mit dem Degen möglich war, ergab er sich mit seiner Mannschaft, jedoch unter ehrenvollen Bedingungen, als Kriegsgefangener. Der König, der den Hergang des Gefechts genau vernommen, beklagte den armen Cornet, befahl, ihn auszutauschen und, wenn es nicht anders sei, einen österreichischen Rittmeister gegen ihn loszugeben. Als Seydlitz im preußischen Lager wieder angelangt war, wurde er sogleich zum König geführt, dem er den Hergang des Gefechts ausführlich erzählen mußte. Er fand ihn der Aufmunterung und Belohnung würdig und fragte ihn, was er lieber wolle, der erste zu ernennende Leutnant in einem Kürassierregiment  oder Rittmeister und Befehlshaber einer Eskadron Husaren zu sein. Seydlitz wählte das letztere. Im zweiten schlesischen Kriege unmittelbar nach dem großen Siege bei Hohenfriedberg am 5. Juni 1745, wo er den sächsischen General von Schlichting persönlich gefangen nahm, wurde Seydlitz erst 24 Jahre alt, zum  Major ernannt, im Herbst 1752 wurde er zum Oberstleutnant befördert und als Befehlshaber zum Dragoner-Regiment Prinz Friedrich von Württemberg nach Treptow und anfangs des Jahres 1753 als Kommandeur zum Kürassierregiment von Rochow versetzt. Im Sommer 1755 wurde er Oberst dieses Regiments und auf dieser Stufe fand der im folgenden Jahre ausbrechende siebenjährige Krieg den jungen Held. In diesem Kriege stieg Seydlitz nach und nach bis zu den höchsten militärischen Ehren.“

Der Regierungspräsident von Spiegel ging mit dem Gedanken um, Seydlitz ein Denkmal auf dem Marktplatze seiner Geburtsstadt zu errichten und hoffte durch eine Subscription bei der Armee die Mittel zu erhalten, seinen Plan zur Ausführung zu bringen. Nachdem von Spiegel, der sich deshalb sehr für Calcar interessierte, von der Verwaltung zurückgetreten war, war von dem Plane keine Rede mehr. Indessen wurde auf seine Anregung hin eine Inschrift am Hause des Josef Velthuysen, des Besitzers  

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des Geburtshauses Seydlitz, durch die Stadtverwaltung angebracht, die anzeigte, daß Seydlitz hier geboren sei. Auf Veranlassung der Militärbehörden wurde dann am 5. November 1848 am Geburtshause  eine metallene Gedenktafel angebracht, die heute noch vorhanden ist.
Die Stadtverwaltung hatte die Vorbereitungen zu der Feier der Enthüllung der Gedächtnistafel am Geburtstage Seydlitz´s  mit Sorgfalt und Umsicht getroffen, Quartiere für die eintreffenden Offiziere und sonstigen Militärpersonen bereitgestellt und alles getan, die Feier würdig zu gestalten. Am Vorabend des Festtages wurde das Musikkorps des 17. Infanterie-Regiments, für das die Bürgerschaft freies Quartier stellte, durch die Bürgerwehr am Stadttore empfangen. Das Musikkorps stellte sich an die Spitze der Wehr, marschierte unter dem Donner der Böller in die Stadt hinein und nahm vor dem Rathause Aufstellung. Am selben Abend trafen auch der Generalleutnant und kommandierender General des VII. Armeekorps Graf von der Gröben, Exzellenz, in Begleitung des Hauptmanns im Generalstabe des VII. U. K. von Seydlitz, ein Nachkomme des Reitergenerals von Seydlitz, Generalmajor von Niesewand, Kommandeur der 14. Landwehr-Brigade, Bonsac, Oberst und Kommandeur des 17. Inf.-Reg. Von Westarp, Major und Kommandeur des 5. Ulanenregiments, von Sulicki, Major und Bataillonschef im 17. Inf-Regt., von Lützow, Major und Kommandeur des Weseler Landwehr-Bataillons und andere Offiziere ein, denen sofort von den städtischen Behörden Aufwartung gemacht wurde. Am anderen Morgen (5. Nov.) nach Abhaltung des Gottesdienstes, dem alle Offiziere beigewohnt hatten und nach eingehender Besichtigung der Kunstschätze der kath. Pfarrkirche, begann das Fest um 11 Uhr. Die Bürgerwehr zog mit der Regimentsmusik unter klingendem Spiel vor dem Geburtshause auf. Der kommandierende General und sämtliche Offiziere wurden durch den Bürgermeister, den Gemeinderat und viele Honoratioren, an der Spitze der Clever Landrat von Haeften, abgeholt. Die Herren begaben sich ebenfalls im Zuge zum Geburtshause, das von den Anwohnern der Altcalcarstraße freiwillig durch Schmuckgrün und Blumen festlich geschmückt war. Hier hielt Exzellenz von der Gröben vor der Bürgerwehr und einer großen Menge Volkes eine kraftvolle Rede, in der er besonders hervorhob, daß in
 

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der gegenwärtigen sturmbewegten Zeit Entschlossenheit und Einigkeit dem Vaterlande not tue. Er sprach: ,,Meine teuern Waffenbrüder! Meine werten Mitbürger! Wir stehen hier vor dem Hause, in dem vor 127 Jahren die Wiege eines großen Mannes stand. Den Bemühungen edler Einwohner dieser Stadt ist es gelungen, diese Stätte zu ermitteln. Die königl. 14 Division erfuhr dies und beschloß sofort, das Haus durch eine einfache Tafel von Erz zu bezeichnen. Wir sind gekommen, um dieses anspruchslose Denkmal zu enthüllen, an einem Tage, an dem heute vor 91 Jahren in jener ewig denkwürdigen Schlacht unser Seydlitz, der größte Kavalleriegeneral neuerer Zeit, ein Blitz in den Schlachtengewittern unseres großen Königs Friedrich, mit seinen Reiterscharen kam, sah und siegte, wie einst Cäsar. Merkwürdig, daß diese Gegend in einem kleinen Umkreise die Geburt sah von drei Reiterhelden. Dort in Xanten erblickte Siegfried das Licht der Welt, den das altdeutsche Lied der Nibelungen besingt, die herrlichste Heldengestalt deutscher Vorzeit; dort bei Wachtendonk: Jan van Werth, in der Jugend ein schlichter Ackermann, dann im Umschwung der Zeit ein hochberühmter Reiterführer; und hier nun endlich Seydlitz, die Zierde der preußischen Armee, der Gegenstand höchster Bewunderung seiner Gegner, wie der Glanzpunkt der neueren Kriegsgeschichte. Was aber machte ihn groß? Er tat mit Wenigen viel und was er tat, das tat er zur rechten Zeit. Ganz der Mann seiner Waffe ward er seinen Kampfgenossen, seinem Könige in höchster Kampfesgefahr mit Sturmseile stets ein rettender Helfer mit leuchtendem Schwert!

 Kameraden! Mitbürger! Ist unser Held nicht ein Vorbild des wahren Soldaten? Nicht aber auch das jedes wackeren Staatsbürgers in seinem Berufe? Denn sind wir nicht alle, ein jeder an seiner Stelle, verpflichtet, unsern treuen Mitbrüdern zu dienen mit den uns verliehenen Gaben? Sind wir nicht berufen, die Wohltat des Staates zu fördern mit Gut und Blut, mit unserer ganzen Tatkraft? Unser heldenmütiger Seydlitz führt uns in eine Zeit zurück, in der Preußen, damals ein sehr kleiner Staat, in der Ueberfülle deutscher Kraft, unter den Adlerschwingen seines großen Königs in einem Riesenkampfe halb Europa siegreich gegenüberstand. Dies vermochte schon ein kleiner Teil des deutschen Vaterlandes, was wäre dem

 

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ungeteilten nicht möglich. Wenn aber Preußen in jenem Riesenkampfe einen glänzenden Sieg gewann, so war es doch kein ungetrübter, denn – Brüder standen gegen Brüder! Als nun im Verlaufe unseliger Zeiten innere Trennung zu tiefem Falle führte, als die Schmach der Knechtschaft auf Deutschland lastete, da war es Preußen das zuerst in die Schranken trat. Seinem Beispiele folgten nach und nach alle deutschen Gauen und in drei glorreichen Feldzügen ward die Fremdherrschaft gebrochen. Noch heute weht jene Zeit uns an wie ein Frühlingshauch der Wiedergeburt. Können wir aber jetzt noch fragen, was die Zeit mit ihren schwankenden Wogen eigentlich will, was wir in ihr erstreben sollen? Die unauflösliche Einheit des Vaterlandes ist das Ziel, die Eintracht in Haupt und Gliedern der Weg. Wer hat dies aber mehr erkannt, mehr gewollt, als unser edler König? Sein Herz schlägt gleich warm für die ihm anvertrauten Millionen, wie für Deutschland Ehre, für Deutschland Größe, Kraft und Herrlichkeit. Und wollen wir alle dies nicht auch mit deutschem Herzen? Sind wir nicht alle Brüder, alle Söhne einer edlen Mutter? Da lassen Sie uns denn Hand in Hand und Herz in Herz diesem großen Ziele entgegengehen und indem wir in dieser ernsten Stunde des Königs und des Vaterlandes in alter deutscher unerschütterlicher Treue gedenken, bringen Sie mit mir Ihm dieses Lebehoch. Es lebe der König und das Vaterland hoch!“

 

Dieses Hoch hallte aus tausend Kehlen freudig und begeistert unter dem Donner der Böller und Tücherwinken aus allen Fenstern wider. Der Menge hatte sich eine sichtlich freudig-feierliche Erregung bemächtigt. Alsdann wurde die Gedenktafel enthüllt und hierbei das Lied: Heil Dir im Siegerkranz! Mit stürmischer Begeisterung gesungen. 

Hierauf nahm der kommandierende General die Parade der Bürgerwehr ab, die Liedertafel sang mehrere patriotische Lieder und die Musik spielte zuletzt eine Reiter-Fanfare. Auf den General von der Gröben wurde ein brausendes Hoch ausgebracht. Sämtliche Gäste und die Behörden begaben sich sodann in das Geburtshaus Seydlitz´s, wo der Besitzer, Herr Velthuysen, sie festlich bewirtete. Während des Mahles wurden mehrere patriotische Reden auf den Ruhm der Armee gehalten; Landrat von Haesten feierte besonders die 14. Division. 
 

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Bis spät abends fand man überall in der Stadt frohe Gesellschaften, die manches Glas auf die Gesundheit Sr. Majestät  des Königs leerten. Ein Festball beschloß die für Calcar denkwürdige und ehrenvolle Feier. 
(Anmerkung: In einem Briefe vom 16. Nov. 1848 an den Bürgermeister Backer von Calcar spricht Hauptmann von Seydlitz, der zugleich als Repräsentant der Familie von Seydlitz zum Feste erschienen war, seinen herzlichsten Dank aus für die gastliche Aufnahme und Liebe und Verehrung, die ihm in Calcar zuteil geworden und versprach der Stadt als Andenken eine getreue Kopie des Bildnisses seines berühmten Vorfahren, das er eigens zu dem Feste nach hier gesandt hatte, aber leider erst am Tage nach diesem hier eintraf. Als Nachschrift heißt es in dem Briefe:
,,Soeben trägt mir noch Seine Exzellenz, der Herr Kommandierende General auf, Ihnen, verehrtester Herr Bürgermeister, mitzuteilen, welche höchst angenehme Erinnerung das Fest auf ihn durch seine einfache, würdige Gestaltung, durch die Freundlichkeit der Einwohner der Stadt und besonders des Eigentümers des Geburtshauses zurück gelassen habe.“

 

Der Winter des Jahres 1848/49 brachte erhebliche Kälte. Am 5. Januar stellte sich das Eis im Rheine oberhalb Rees und in wenigen Tagen war der Rhein in hiesiger Gegend zugefroren. Am 14. Januar setzte aber schon Tauwetter eine und der Eisgang vollzog sich ohne Gefahr. 

Am 7. April 1849 schlug der Blitz in das an der Herrenstraße liegende Wohnhaus des Tagelöhners Krebbers ein und äscherte es fast vollständig ein.
Am 18. Juli spendete der Hochw. Bischof Johann Georg Müller von Münster in der hiesigen Kirche etwa 600 Firmlingen aus den Pfarreien Calcar, Alt-Calcar und Till-Moyland die hl. Firmung. Paten waren Bürgermeister Eduard Backer und Frau Peter Hangkamer geb. Hagendorn. Abends wurde in der Stadt illuminiert und zu Ehren des Bischofs ein Fackelzug veranstaltet.
Nachdem die Wände und Säulen in der hiesigen Pfarrkirche abgekratzt worden waren, wurden sie im Monat März von neuem mit Mörtel glatt verputzt und, wie bereits früher erwähnt, mit einer bestimmten Farbe angestrichen. Diese Arbeiten erforderten besonders bei den Säulen viel Zeit. Drei Mann arbeiteten gewöhnlich eine Woche und
 

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mehr an einer Säule. Ende Oktober waren die Arbeiten vollendet. Durchschnittlich sind täglich 10 Arbeiter beschäftigt gewesen; an Kalk wurden etwa 55 Berliner Malter verbraucht. Die Kosten der im Jahre 1848 ausgeführten Arbeiten belaufen sich auf 529 Taler und die des Jahres 1849 auf 1175 Taler, insgesamt also auf 1704 Taler.
Die Ernte des Jahres 1849 war sehr gut. Halmfrucht war seit langer Zeit nicht so gut geraten. 
Im Jahre 1849 wurde der Sitzungsaal im Rathause restauriert; die Wände wurden abgekratzt und neu verputzt, ferner wurde ein neuer Fußboden gelegt und das alte beschädigte Plafond durch ein neues ersetzt. Letzteres sowie die östliche Wand wurden durch den Maler Heinrich Umbach aus Calcar bemalt, wofür er 40 Taler erhielt.

 

Seit einiger Zeit nahm die Auswanderung nach Amerika in Deutschland einen immer größeren Umfang an. Im September 1849 wanderten von hier aus: Leineweber Gerhard Gröting mit Frau und zwei Kindern, Zimmermann Heinrich Rahmann, Bäcker Peter Mölders und Buchbinder Heinrich Reichmann. Es waren dies die ersten, die in fernem Lande eine neue Heimat suchten.

Im Jahre 1849 hat der Schiffer Peter Engels das Haus Nr. 39 in der Kesselstraße umgebaut. Dieses Haus sowie die beiden nebenliegenden Häuser bildeten vordem die Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Augustinessen-Klosters. 
Die Bevölkerung betrug in diesem Jahre: in Calcar 1868 Katholiken, 133 Evangelische und 78 Juden . Sa 20.79,  in Altcalcar 726 Katholiken, 51 Evangelische  Sa. 777,  in Neuluisendorf 140 Katholiken, 313 Evangelische Sa. 453,  zusammen 2734 Katholiken, 497 Evangelische 78 Juden Sa. 3309.
Der Winter des Jahres 1849/50 war von sehr veränderlicher Witterung. Ende November setzte Frostwetter ein. Der Dezember brachte Schnee und Frost, Tauwetter und milde Witterung in stetem Wechsel. Schnee ist besonders  im Januar außerordentlich viel gefallen. Anfangs Januar setzte sich in unserer Gegend das Eis im Rheine fest, Ende des Monats trat Tauwetter ein und das Eis setzte sich in einigen Tagen in Bewegung. Am 30. Januar lief das Wasser bei einer Pegelhöhe von 20 Fuß 1 Zoll bei Wissel und an anderen Stellen über
 

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den Deich und überschwemmte die Niederung. Tags darauf wurde die Stadt Calcar unter Wasser gesetzt; fast der ganze Marktplatz war überschwemmt. Am 3. Februar fiel es stark, innerhalb eins Tages war der Markt wieder frei. Zwei Tage darauf brachte der Rhein wieder neue Eismassen vom Oberrhein, wodurch das Wasser wieder stieg und eine Höhe erreichte, die die vorige noch überstieg. Am 9. Februar begann es sehr langsam zu fallen und erst sechs Tage später war die Stadt wasserfrei. 
Am 17. Januar 1850 starb Herr Greeber, Pfarrer der hiesigen evangelischen Gemeinde. 
Im Jahre 1846 hat die barmherzige Schwester Angela geb. Johanna Hoffmann aus Hanselaer durch Akt vor Notar Herkerath in Geldern, woselbst sie zu der Zeit Vorsteherin der Barmherzigen Anstalt war, der Stadt Calcar ein Kapital von 4000 Talern pr. zur Einrichtung einer Anstalt für barmherzige Schwestern unter der Bedingung geschenkt, daß diese Anstalt binnen fünf Jahren ins Leben treten müsse. Demgemäß wurde durch Kaufvertrag von Notar Lenz von hier das an der Grabenstraße  liegende Haus nebst Garten des Rudolph Schroeder für 2800 Taler käuflich erworben. Hierauf mußten sofort nach erfolgter höherer Genehmigung 1000 Taler angezahlt werden, zu welchem Zwecke aus den vorhandenen Geldern der Anstalt 400 Taler, die von den seit 1847 aufgenommenen Zinsen des Kapitals herrührten, genommen wurden; die übrigen 600 Taler wurden von der Stadt gegeben. Die Restkaufsumme von 1800 Talern blieb vorläufig als Hypothek auf dem angekauften Grundstück stehen. Die Anstalt erhielt den Namen ,,St. Nikolaus-Hospital“. Die für sie erlassenen Statuen erhielten im Oktober 1850 Genehmigung der Regierung, wodurch ihr Korporationsrechte verliehen wurden. 

 

Am 4. Dezember kam die für hier bestimmte Oberin mit zwei Schwestern hier an und stieg an dem für ihre Aufnahme eingerichteten Hause ab. Am folgenden Tage erfolgte die Einführung. In der Pfarrkirche wurde ein feierliches Hochamt gehalten, in dem Herr Pfarrer van Haag die Festpredigt hielt über den Text:,, Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Nach beendigter Feier wurde eine Prozession veranstaltet, an der selbstverständlich die Schwestern teilnahmen. Sie zog von der Kirche nach der Stiftungswohnung, woselbst Herr Bürgermeister Backer

 

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eine kurze Ansprache an die versammelte Volksmenge hielt. Das Haus wurde darauf von Herrn Pfarrer van Haag eingeweiht, womit die Feier geschlossen war. 
Zur Bestreitung der Kosten der ersten Einrichtung des neuen Krankenhauses haben die Einwohner Calcars und der Umgegend, wenn auch letztere in geringerem Maße, durch freiwillige Haussammlungen, die von Bürgertöchtern von November 1849 bis dahin 1850 abgehalten worden waren, wesentlich beigetragen. Auch waren diese das ganze Jahr hindurch an einem bestimmten Wochentage damit beschäftigt, Wäschestücke für das Krankenhaus herzustellen, wozu das erforderliche Leinen usw. teils geschenkt, teils gekauft wurde. So waren die Einwohner Calcars ständig bemüht, den barmherzigen Schwestern und den Insassen das Wirken und Leben im Hospital möglichst angenehm zu gestalten. 
Im Jahre 1850 wurde durch den Dekorateur Stephan aus Köln der altdeutsche Kronleuchter in der hiesigen Pfarrkirche restauriert. Jeder Arm dieses Leuchters war nur für eine Kerze eingerichtet. Zur besseren Beleuchtung der Kirche wurde er so geändert, daß nunmehr jeder Arm mit fünf Kerzen versehen werden konnte. Die Kosten der Restaurierung  und der Umänderung betrugen 150 Taler und wurden von den an der Kirche angestellten Geistlichen übernommen. Von Stephan wurden auch Orgel und Kanzel instandgesetzt.

 Im selben Jahre wurden sämtliche Bänke in der Pfarrkirche, die Kommunionbank und das Gestühl auf dem St. Johannischor angestrichen. Die Anstreicher Hermann und Johann Janssen hatten dies Arbeiten für 15 Sgr. je Bank übernommen. Soweit die Bänke verpachtet waren, wurden die durch den Neuanstrich entstehenden Kosten größtenteils von den Pächtern, im übrigen von der Kirche getragen. Für letztere entstanden, da auch noch freiwillige Gaben gespendet worden waren, keine erheblichen Kosten.  

Bereits im Dezember 1849 waren die Gemälde des Hochaltars sowie das Altarblatt des Johannes-Altars, den Tod Mariens darstellend nebst den dazu gehörigen Flügeln nach Düsseldorf gesandt, woselbst sie von dem Maler Professor Büsen gereinigt und restauriert wurden. Nach vollendeter Arbeit kamen erstere im August, letztere im Oktober 1850 nach hier zurück. Die Kosten der Reinigung usw.  

 

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der Gemälde des Hochaltars beliefen sich auf 400  Taler und wurden vom Staat getragen. Auf die Kirche entfielen für die sonstigen Arbeiten 45 Taler. Für die Instandsetzung und Vergoldung des Rahmens des den Tod Mariens darstellenden Gemäldes erhielt Stephan 21 Taler. 
Am 26. Juli 1850 wurde der erste Stein zur Schule und Lehrerwohnung in Altcalcar gelegt und am 21. Oktober desselben Jahres konnte der Unterricht in der Schule aufgenommen werden.  Der erste Lehrer in Altcalcar war August Friedrich Hartwich, der seit August 1847 als Hilfslehrer an der kath. Volksschule in Calcar angestellt war. 
Bis dahin hatte Altcalcar keine eigene Schule gehabt, die Kinder besuchten vielmehr die Schule in Calcar. Seit 1839 bestanden hier drei Schulen mit drei ordentlichen Lehrern. Wegen der Zunahme der Zahl der schulpflichtigen Kinder wurde, wie bereits erwähnt, im Jahre 1847 noch eine vierte Klasse errichtet, die von einem Hilfslehrer verwaltet wurde. Da aber seitdem die Zahl der Schulkinder noch merklich größer geworden war, mußte daran gedacht werden, noch eine fünfte Klasse einzurichten oder aber Altcalcar vom Schulbezirk Calcar zu trennen. Die Gemeinde Calcar hatte die hier vorhandenen drei Schulen in früheren Jahren auf eigene Kosten erbaut und bisher aus eigenen Mitteln unterhalten und da diese Schulen für die Calcarer Kinder ausreichend waren, war hier wenig Stimmung vorhanden, der Altcalcarer Schulkinder wegen noch ein weiteres Schullokal zu bauen. Dieses wäre aber nicht zu umgehen gewesen, wenn Altcalcar mit Calcar hinsichtlich des Schulunterrichts vereinigt geblieben wäre. Schon im Jahre 1816 hatten mehrere Gemeindeeingesessene von Altcalcar den Neubau einer eigenen Schule beantragt und diesen Antrag später mehrmals wiederholt. Es war darin die Rede, die Schule auf dem Calcarerberg zu errichten, ein Vorschlag, der begreiflicherweise Widerspruch erregen mußte. Die Lage auf dem Altcalcarerberg wurde als in jeder Hinsicht ungeeignet bezeichnet. Denen, die die Schule bei der Kirche errichtet haben wollten, wurde entgegengehalten, daß die Kinder in diesem Falle gerade so gut wie bisher die Schule in Calcar besuchen könnten. Infolge dieses Wiederstreitens der Meinungen, nicht zuletzt aber auch der Kosten wegen, unterblieb der Bau, bis nun endlich durch den Umstand, daß die Calcarer Schulen überfüllt waren, die 

 

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Frage des Neubaues einer eigenen Schule wieder akut wurde. 
Die Schule nebst Lehrerwohnung sind auf einem Grundstück erbaut worden, das die Gemeinde Altcalcar von der Stadt Calcar für 112 Taler käuflich erworben hatte; die Baukosten betrugen insgesamt 1713 Taler. 
Am 7. Dezember 1850 wurden die ersten Kranken und zwar 4 Personen, im neugegründeten St. Nikolaushospital aufgenommen; von diesen starb bereits eine am 14. Dezember. Es war dies der erste Sterbefall, der im neuen Krankenhause vorkam.
Der Winter des Jahres 1850/51 war äußerst milde. Schnee und Frost waren eine Seltenheit.
Die ältesten Leute erinnerten sich nicht eines solch angenehmen Winters.
Am 27. Februar 1851 wurde Herr Johann David Nacken als Pfarrer der hiesigen evangelischen Gemeinde eingeführt. 

 

Herr Kaplan Jaspers, der sich durch seine sehr eifrige seelsorgerische Tätigkeit die Liebe und Wertschätzung aller Pfarreingesessenen erworben hatte, wurde vom Bischof in Münster mit der Leitung des neugegründeten Klosters und Pensionats in Aspel bei Rees beauftragt und zum Direktor desselben ernannt. Im April siedelte er nach Aspel über. An seine Stelle rückte der bisherige zweite Kaplan Herr Frankeser. In die freigewordene Stelle des zweiten Kaplans wurde Herr Gerhard Siebers, gebürtig aus Rindern, der seit etwa zwei Jahren Kaplan  in Hartefeld bei Geldern war, berufen, Es wurde ihm die Verpflichtung auferlegt, am Mittwoch jeder Woche eine hl. Messe in Hanselaer zu lesen. Seit der Vereinigung der Kirchengemeinde Hanselaer mit Calcar wurde dort nur bei Beerdigung eine Messe gelesen. Es war der Wunsch der Hanselaerer Einwohner, daß wenigstens allwöchentlich einmal in ihrer Ortskirche eine Messe gelesen werden möge. Diesem Wunsche wurde nun mehr entsprochen. 

Im Mai 1851 hat der Goldarbeiter Samans das Haus an der Ecke Markt-Altcalcarstraße, ,,Trompet“ genannt, abbrechen und ein neues errichten lassen. Beim Wiederaufbau mußte er zur Erbreiterung der Altcalcarstraße 22 Zoll mit der südlichen Giebelwand zurücktreten. Als Entschädigung erhielt er dafür vom Staat etwas über 80 Taler. Beim Abbruch des alten Hauses entdeckte man über der Tür folgende Jahreszahl: Anno MDXXX. Es ist also
 

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anzunehmen, daß dasselbe im Jahre 1530 erbaut worden war.  
Ehemals floß der Leybach in fast gerader Richtung in den sogenannten Mittelgraben, der die Stadt der Länge nach durchzog. Durch die Anlegung der Festungswerke wurde aber der Lauf gesperrt und das Wasser mußte dem Laufe des Leyflusses folgen und am sogenannten halben Mond eine rückgängige Bewegung machen, um in den Mittelgraben zu gelangen. Letzterer  hatte damit seine Bedeutung verloren und alle Versuche, die seitdem gemacht wurden, das Wasser der Ley durch die Stadt zu leiten, waren vergebens. Seit langer Zeit war der Wunsch laut geworden, den Mittelgraben zuzuschütten, weil die Bogen, die an mehreren Stellen über ihn führten immer mehr Unterhaltungskosten verursachten. Doch fehlte es auch nicht an Stimmen, die gegen die Zuschüttung des Grabens waren. Manche vertraten die Meinung, daß es doch wohl möglich sei, das Leywasser durch den Mittelgraben zu leiten. Indessen beschloß der Gemeinderat, den dem Rathause gegenüber befindlichen Teil des Grabens zuzuschütten, wodurch zur Erhaltung der Fundamente des Rathauses, die besonders in den letzten Jahren sehr reparaturbedürftig geworden waren, wesentlich beigetragen werde. Der Bürgerschaft wurde anheimgestellt, allen Schutt und Schrot dorthin zu bringen und sie machte hiervon in  so ausgiebiger Weise Gebrauch, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit und ohne große Kosten der Teil des Grabens angefüllt war.

 Am 14. April 1852 wurde der Altartisch des Hochaltars abgebrochen und um etwa 3 Fuß zurückverlegt. Am 14. Mai war er wieder aufgebaut. Beim Abbruch des Altartisches  fand man einen Reliquienbehälter, der u. a. Das Siegel des bereits früher erwähnten Weihbischofs Conradi von Köln enthielt. Neben einer Zurücklegung des Hochaltars erfolgte auch eine Erhöhung und zwar von zwei holländischen Steinhauern aus Venlo, die die Fliesen in Venlo kauften und die Arbeiten in der Zeit vom 13. bis 25. Juni ausführten. Der Kostenaufwand hierfür betrug insgesamt 323 Taler.

Die Kapitäle der Säulen wurden durch die Anstreicher Hermann und Johann Janssen und Johann Josef van der-Heyden von hier vergoldet. Die Kosten hierfür betrugen je Säule 10 Taler; sie wurden
 

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fast ausschließlich durch freiwillige Spenden aufgebracht.
Die Bevölkerungszahl Calcars betrug im Jahre 1852 2151. Es waren vorhanden 1923 Katholiken, 146 Protestanten und 82 Juden.
Am 25. April 1853, vormittags 11 Uhr, wurde dem Bürgermeister Eduard Backer im Beisein des Gemeinderats und vieler anderer Bürger vom Kreislandrat von Haeften der Rote Adlerorden 4. Klasse überreicht. Mittags war im Gasthof Kuypers ein Festessen; abends wurde unter allgemeiner Beteiligung der Bürgerschaft ein Fackelzug veranstaltet, bei dem besonders der Calcarer Musik- und Gesangsverein mitwirkte. 
Im Jahre 1848 ist bekanntlich in eindrucksvoller Weise das Seydlitzfest hier gefeiert worden. Damals herrschten fast überall in Deutschland Unruhen. Vor dem Fest schrieb daher der Kommandierende General des VII. U.-K. Generalleutnant von der Gröben an die Stadtverwaltung in Calcar, daß er wegen der bewegten Zeit Bedenken trage, das Fest zu feiern. Der Bürgermeister Backer erwiderte ihm aber umgehend, er stehe dafür ein, daß das Fest durch keinerlei Unruhen gestört werde. Und so war es auch. An dem Festtage hatte der General Gelegenheit, sich von dem guten vaterländischen Geiste der Calcarer Bürgerschaft zu überzeugen und er hat diese Wahrnehmung dem Bürgermeister auch nicht verhehlt. Das prächtig verlaufene Seydlitzfest ist wohl die Hauptursache gewesen, daß dem Bürgermeister auf besondere Empfehlung des Generals von der Gröben die Dekoration verliehen worden ist.

 Im Monat Mai 1853 wurde in der hiesigen Pfarrkirche die Maiandacht eingeführt. Am 29. desselben Monats erhielt die Kirche ein in Münster verfertigtes Muttergottes-Bild. Die 100 Taler betragenden Kosten wurden durch freiwillige Gaben aufgebracht. Das Bild erhielt seinen Platz auf dem Muttergotteschörchen. 

Am 1. Juli 1853 wurde Hermann Cloos als Schullehrer der hiesigen evangelischen Gemeinde gewählt. Er hat die Stelle im Oktober angetreten; vorher war er Lehrer in Luisendorf.
Am 31 August wurde der Hochaltar der hiesigen Pfarrkirche, der im Jahre vorher einen anderen Platz erhalten hatte, durch den hochw. Herrn Bischof Johann Georg Müller von Münster eingeweiht. Nach der Einweihung hielt der Bischof die Festpredigt und hierauf begann das Hochamt, das
 

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mit einem feierlichen Tedeum endete. Die Feier begann morgens um 8 Uhr und war erst gegen ½ 1 Uhr beendigt. 
Im August wurden umfangreiche Reparaturen an der Kirche in Hanselaer sowie an der Pfarrkirche in Calcar vorgenommen. An dem Gewölbe unserer Kirche fehlten fast alle Rosetten. Auf Betreiben des Pfarrers van Haag wurden deren 112 neue angefertigt, angestrichen und vergoldet. Die Kosten hierfür betrugen 130 Taler 24 Sgr. und wurden durch freiwillige Gaben gedeckt. Bemerkenswerte Geldmittel erhielten die Kirche und das neue Krankenhaus durch Stiftungen des Steuereinnehmers Haal und der Eheleute Gerhard Aanstoot und Katharina Margareta geb. Hagedorn. Das Krankenhaus konnte infolgedessen wesentlich erweitert werden.
Am 19. Juni 1854 abends schlug der Blitz in die Turmspitze der Nikolai-Pfarrkirche, zündete zum Glücke aber nicht. Geringere Beschädigungen des Daches und des Mauerwerkes konnten mit unerheblichen Kosten beseitigt werden. 

In der Nacht vom 11. zum 12. Juli entstand in der Küsterei in Altcalcar Feuer, durch das das ganze Gebäude eingeäschert wurde. Es wurde im selben Jahre aber wieder aufgebaut. 

Der Winter des Jahres 1854/55 war sehr kalt. Bis Mitte Januar herrschte allerdings eine verhältnismäßig milde Witterung, dann aber setzte die Kälte mit aller Macht ein und in 14 Tagen war der Rhein zugefroren. Im Kanal und im alten Rhein bei Grieth hatte sich ein sehr starker Eisdamm festgesetzt, wodurch das Wasser so gestaut wurde, daß es oberhalb Grieth bis zu einer Höhe von 26 Fuß stieg und der Strom sein altes Bett von Rees zwischen Grietherbusch und dem rechten Rheinufer verfolgte.  Die Kälte war grimmig und dauerte mit geringen Unterbrechungen bis zum 25. Februar, wo Tauwetter eintrat. In der Nacht vom 2. zum 3. März entstanden bedeutende Deichdurchbrüche bei Xanten, Wardt und Vynen, wodurch die ganze Gegend von Xanten bis Calcar noch in derselben Nacht überschwemmt wurde. Das Wasser erreichte hier eine solche Höhe, daß nur wenige Häuser frei blieben. In der Kirche stand es etwa 3 Zoll hoch auf dem Johannischor und dem Muttergotteschörchen; auf dem Markte verschwand beinahe das Mauerwerk der Treppe unter dem Wasser. Immerhin blieb es hinter dem Hochwasser des

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 Jahres 1809 zurück, das ungefähr die 4. Stufe der inneren Treppe des Rathauses erreichte. In der Nacht vom 4. zum 5. fing das Wasser an stark zu fallen, was auf einem Dammriß in Bislich zurückzuführen war. Vom 6. ab fiel es aber nur langsam und so kam es, daß ein Teil der Stadt mehr als acht Tage lang unter Wasser stand. Durch die Deichbrüche oberhalb Xantens war die Gegend von Uerdingen Rheinberg bis nach Xanten schon einige Tage früher als die hiesige Gegend überschwemmt worden. Ebenso waren der Rhein und die Maas in den Niederlanden ausgetreten, wodurch auch dort große Überschwemmungen entstanden. Am 4. März versuchte ein mit 12 Personen besetzter Nachen von Altcalcar nach Calcar zu fahren. Zwischen dem Hause Marcour (jetzt Brauhaus) und der Stadt geriet er aber in den starken Strom und der Besatzung ging die Gewalt über ihn verloren. Er schlug um und die Insassen gerieten in höchste Gefahr. Nach größten Anstrengungen gelang es beherzten Männern unter eigener Lebensgefahr, 11 Insassen vom Tode des Ertrinkens zu erretten, ein 12 jähriger Knabe kam aber leider in den Fluten um. 

 Tags darauf entstand ein Brand in einem Hause in der Hanselaerstraße, der einen größeren Umfang anzunehmen drohte, da er bereits auf Nachbarhäuser übergegriffen hatte. Wegen des hohen Wasserstandes konnten die Spritzen nicht die wünschenswerte und notwendige Wirksamkeit entfalten und nur dadurch, daß das brennende Gebäude kurzer Hand eingestoßen wurde, konnte dem Feuer Einhalt getan werden. Die Löschenden hatten einen schweren Stand, mußten sie doch bis an den Hüften im Wasser stehend, aushalten. 

Im allgemeinen hat das Hochwasser an den Gebäuden der Stadt keinen allzugroßen Schaden angerichtet. Anderwärts waren ganze Häuser von den Fluten fortgerissen und vernichtet oder schwer beschädigt worden, viele Menschenleben waren zu beklagen. In Niedermörmter wurde eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern aufgefischt und auf dem Kirchhof daselbst  beerdigt. Allenthalben trieb eine Menge Mobilien und Hausgeräte in den Fluten. Durch Versandungen weiter Landstriche wurde durch das Hochwasser ein außerordentlich hoher Schaden angerichtet.
In der Nacht vom 23. zum 24. August 1855 ging ein schreckliches Unwetter über unsere Gegend nieder.
 

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Gegen 11 Uhr abends begann ein Wetterleuchten, das gegen 1 Uhr in ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Hagel überging. Die Wirkung war verheerend. Nachdem das Unwetter sich gegen 2 Uhr gelegt hatte, entlud sich eine Stunde später ein zweites, noch schrecklicheres Gewitter, das dazu bestimmt schien, das von dem ersten begonnene Zerstörungswerk ganz zu vollenden. Auch dieses war wieder von einem massigen Hagel begleitet. Gärten und Felder waren verwüstet, alle Frucht war vernichtet. Das Obst lag abgeschlagen am Boden, die Bäume waren fast ganz entlaubt und boten  einen trostlosen Anblick; viele lagen entwurzelt am Boden. Selbstverständlich waren auch die Häuser, besonders die Dächer, von dem Unwetter arg mitgenommen worden. Zertrümmerte Fensterscheiben gab es allenthalben. Noch lange Jahre danach wurde dieses Unwetter als eins der schlimmsten genannt.  
Die Bevölkerung betrug Ende des Jahres 1855: Calcar 1968 Katholiken, 157 Protestanten, 92 Juden, zusammen 2217;  Altcalcar 680 Katholiken, 70 Protestanten, zusammen 750;  Neulouisendorf 146 Katholiken, 303 Protestanten, zusammen 449. In den Gemeinden Calcar, Altcalcar und Neulouisendorf zusammen 2794 Katholiken, 530 Protestanten und 92 Juden; insgesamt die Bürgermeisterei Calcar 3416.
An Gebäuden waren vorhanden: in Calcar 324 Wohnhäuser, 147 Scheunen und Schuppen,  in Altcalcar 105 Wohnhäuser, 57 Scheunen und Schuppen,  in Neulouisendorf 71 Wohnhäuser, 5 Scheunen und Schuppen. In Calcar, Altcalcar und Neulouisendorf zusammen 500 Wohnhäuser und 209 Scheunen und Schuppen. 
Am 25. Juni 1856 starb Schwester Lucia, die letzte der Schwestern des von der französischen Republik aufgehobenen ehemaligen Augustinessenklosters im Alter von 88 Jahren. Sie war eine geborene Hermine Lemmen und aus Keppeln gebürtig. Das ihr eigentümlich gehörige Haus in der Kesselstraße hat sie der kath. Pfarrkirche vermacht. 
Nachdem die Chaussee von Calcar nach Goch fertig gestellt war, wurden im August zwei Barrieren zu Altcalcar und am Gocherberg errichtet zum Vorteil
 

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der betreffenden Gemeinden. Jede Barriere erhob das halbe Barrieregeld. 
In der Nacht vom 6. zum 7. September wurde ein Einbruch in die Nikolai-Pfarrkirche verübt und die Opferstöcke erbrochen und geleert. (Vor einigen Jahren geschah ein Einbruch an derselben Stelle.)
Durch Verfügung der königlichen Regierung in Düsseldorf vom 18. 10. 1856 wurde der Kaufmann Heinrich Jakob Kuypers auf eine 6jährige Amtsdauer zum 2. Beigeordneten der Bürgermeisterei Calcar ernannt. 
Der Sommer des Jahres 1857 war außerordentlich heiß und trocken. Infolge der anhaltenden Dürre entstand ein allgemeiner Wassermangel in den Brunnen und Weiden. Der Wasserstand des Rheines war so niedrig, daß sich die ältesten Leute nicht eines gleich niedrigen Wasserstandes erinnerten. In Calcar war der Wassermangel noch erträglich, was wohl auf den quellenreichen Boden zurückzuführen ist.  Brandunglücke waren so häufig, das man fast jeden Tag von einer neuen Feuersbrunst hörte. Hier in der Stadt brannten drei Häuser in der Kesselstraße ab.
Durch Verfügung der königlichen Regierung in Düsseldorf vom 9. 9. 1857 wurde der Rentner Lambert Verwayen zum ersten Beigeordneten der Bürgermeisterei Calcar ernannt. 
Die ehemalige Gasthauskirche auf der Grabenstraße hinter dem Rathause, die bisher als Scheune benutzt worden war, wurde durch ihren jetzigen Eigentümer, den Schiffer und Kohlenhändler Viktor Ludwig Leeuw zu einem Wohnhause umgebaut. 
Die allgemeine Bevölkerungsaufnahme am 3. Dezember 1858 ergab in Calcar eine Seelenzahl von 2192, darunter 1927 Katholiken, 165 Protestanten und 100 Juden; die Gesamteinwohnerzahl der Bürgermeisterei Calcar betrug 3378. Wohngebäude wurden insgesamt gezählt in Calcar 341 und ferner 130 Scheunen und Nebengebäude. Der Flächeninhalt der Bürgermeisterei Calcar ist berechnet worden auf 7138 Morgen, davon entfallen auf Calcar 863 Morgen,  auf Altcalcar 3741 Morgen  und auf Neulouisendorf 2534 Morgen. 
Am 26. September starb der Beigeordnete Christian Scholte, ein Mann, der sich durch langjährige Tätigkeit in der Verwaltung fast aller Corporationen der Stadt Calcar, namentlich des kath. Kirchen und Armenvermögens, die größten Verdienste erworben
 

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hatte. Durch sein schlichtes, einfaches Wesen erfreute er sich überall großer Beliebtheit.
Am 24. Mai 1859 wurde der zum Pfarrer von Altcalcar ernannte seitherige Kaplan von Niedermörmter, Herr Albert Passens, in sein Amt eingeführt.
Am 15. November 1859 wurden in Altcalcar in der Nähe des Gutes Born, wo sich das römische Lager Burginatium befunden hat und zwar in dem Talrande einer Bergschlucht in der Gegend, wo der Verbindungsweg  zwischen jenem Lager und der Maas sich hinzog, auf dem Eigentum eines Fräulein Fonck aus Goch wiederum zwei römische Gräber gefunden. Dieselben bestanden aus einem Sandstein- oder Tuffsteinwürfel von etwa 2 Fuß Länge und Breite und 1 Fuß 8 Zoll Höhe. Das Grab war viereckig darin ausgehauen. In dem einen Grabe befanden sich drei oben enge Aschenkrüge und ein kleinerer Topf, ein Teller von terra sigillata und eine aus Bronze gegossene Lampe, welche an drei Kettchen aufgehängt werden konnte. Bei der Lampe befand sich ein Stocher. Das Grab enthielt Asche und nach einer vom prakt. Arzt Dr. Mönnig vorgenommenen Untersuchung Gebeine eines Kindes. Es war mit einem zu drei Viertel durchgeschnittenen Steine bedeckt. Die bronzene Lampe hatte die Form eines platt gedrückten Karpfens und war meisterhaft gearbeitet. Das andere Grab, von gleicher Größe, enthielt zwei oben enge Krüge, ein Töpfchen und einen Teller ebenfalls von terra sigillata und eine Lampe aus Ton. Es war nicht mit einem Stein bedeckt und mit Erde und Asche angefüllt. Die Gebeine darin waren vermodert. Professor Otto Jahn vom Universitätsmuseum in Bonn bemühte sich auf Anregung der Regierung in Düsseldorf um die Erwerbung der Fundgegenstände für das Universitätsmuseum; die Eigentümerin des Fundgrundstückes war jedoch nicht zu ihrer Herausgabe zu bewegen.  
Am 3. August 1860 fand die feierliche Grundsteinlegung zum Seydlitz-Denkmal statt. Das Programm hierfür lautete: 9,30 Uhr: Versammlung des Denkmals-Komitees, des Gemeinderates und der übrigen Festteilnehmer im Rathause, Aufstellung der Schüler der oberen Klassen, der Veteranen und Wehrmänner im Kreise um die Grube.
10 Uhr: Zug der Festteilnehmer vom Rathause  zum Denkmalsplatz. Voran tragen vier Werkgesellen
 

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den Grundstein. Der Baumeister trägt die bereits vorher auf dem Rathause unterzeichnete Urkunde. Bei Austritt des Zuges aus dem Rathause beginnt die Musik das Lied ,, Heil dir im Siegerkranz.“ Die Festteilnehmer ordnen sich um die Grube. Anrede des Regierungspräsidenten, Verlesen der Urkunde durch den Bürgermeister, Verschluß derselben in den Grundstein, Legung desselben unter den üblichen drei Hammerschlägen. Währenddessen das Preußenlied durch die Musik.  Festrede durch den Oberstleutnant Wittich. Hoch ! Heil dir im Siegerkranz.“
Die in den Grundstein eingeschlossene Urkunde, die sich auch in zweiter Originalausfertigung auf dem Sitzungssaale des Rathauses befindet hat folgenden Wortlaut:
,,Zum dauernden Gedächtnis für die Nachwelt. In dankbarer Erinnerung an eine große Vergangenheit errichtet die Stadt Calcar, mit ihr der Kreis Cleve, unter reicher Beteiligung 

 

Preußischer Krieger und treuer Bürger dieses Denkmal

                                 dem königlich Preußischen General der Reiterei
                                  Friedrich Wilhelm, Freiherrn von Seydlitz,
                                 geboren am 3. Februar 1721 zu Calcar.

 Angehörend dem Kriegsheere des großen Königs Friedrich des II. half Seydlitz die Siege Dessen zu Preußens spätem Ruhm und Ehre erfechten, leuchtend vor Allen in der Geschichte durch die gewonnenen ruhmreichen Schlachten von Roßbach und Zorndorf. 

Die Geburtsstätte des Helden gibt durch die Errichtung dieses Denkmals Zeugnis des Macht haltenden Stolzes auf ihre glorreichen Ahnen, mahnend zum Nacheifer für lebende und kommende Geschlechter, auf daß in gottesfürchtigem Herzen nimmer erlösche die Liebe für Preußens Königshaus und für das theuere Vaterland.
Auf Befehl des Allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn des Regenten Prinzen von Preußen Königliche Hoheit, soll am Gedenktage der Schlacht bei Zorndorf am 25. August d. J. dieses Denkmal enthüllt werden, zu dessen Errichtung heut der Grundstein gelegt worden ist.
Deß zu Urkund ist gegenwärtige Schrift vollzogen und in den Grundstein eingeschlossen worden.

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Gott der Allmächtige und Dreieinige segne dieses Werk zum Heil des Königlichen Hauses von Preußen und der gesammten Königlichen Lande fort und fort. Amen. 
So geschehen zu Calcar am 3. August 1860, im ein und zwanzigsten Jahre seit dem Regierungsantritte des Königs Wilhelm des IV. Majestät. Die mit des Werkes Ausführung Betrauten : 
Backer,
Bürgermeister von Calcar,
Krüger,
Regierungs-und Baurath in Düsseldorf,
Freiherr von Loe,
Landrath des Kreises Cleve,
von Massenbach,
Regierungspräsident zu Düsseldorf.
Von Schaumburg,
Cavallerie-Oberst a.D.  Wittich,
Oberstleutnant u. Cd. Des 1. B. 8 Westf Inf.- Rgts. Nr 57.
Bayerle,
Bildhauer des Denkmals in Düsseldorf.
Fr. Velthuysen,
früherer Besitzer des Geburtshauses. 
Fr. Schäfer, jetziger Besitzer des Geburtshauses.
Die feierliche Enthüllung fand am 25. August statt. Seit mehreren Jahren war ein Komitee tätig gewesen, die umfangreichen Vorbereitungen für einen glanzvollen Verlauf des Festes zu treffen. Zu gegebener Zeit ergingen Einladungen an hohe und höchste Personen zur Teilnahme an der Enthüllungsfeier u. a. an Seine Königliche Hoheit den Prinzregenten, sämtliche Königlichen  Prinzen des Hohenzollernhauses und an den Fürsten von Hohenzollern. Unterm 15. März 1859 teilte Staatsminister Auerswald aus Berlin mit, daß Seine Königliche Hoheit der Prinzregent sich mit der Enthüllung des Denkmals am 25. August 1860 einverstanden erklärt habe und geneigt sei, der Feier persönlich beizuwohnen, wenn die Verhältnisse es gestatteten. Drei Tage vor dem Feste ging jedoch  eine Depesche ein des Inhalts, daß Seine Königliche Hoheit der Prinzregent wegen noch nicht beendeter Kur leider nicht teilnehmen könne. 
Zu der Enthüllungsfeier waren viele hohe Militär- und Standespersonen erschienen. Sie vollzog 

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sich programmgemäß. Nachher fand ein großes Diner statt. 
Das Standbild stellt den großen Reitergeneral in vollem Waffenschmucke auf dem Schlachtfelde dar, wie er dieses mit prüfendem Blicke übersieht, das bloße Schwer in der Rechten, die Linke geballt beim Anblicke des Feindes, den richtigen Moment abwartend, auch ohne Befehl sich auf den Feind zu stürzen.
Das Fußgestell trägt folgende Inschriften: auf der Frontseite (Westseite): Friedrich Wilhelm, Freiherr von Seydlitz, Königl. Preuß. General der Reiterei, geboren den 3. Februar 1721 zu Calcar, gestorben den 7. November 1773, auf der Nordseite: ,,Sein Anblicke wecke gleichen Heldengeist“, auf der Ostseite: Hohenfriedberg, Zorndorf, Lobositz, Kolin, Kunersdorf, Roßbach, Freiberg; auf der Südseite: ,,Sich selbst zu ehren, ehrt die Stadt des Helden erste Spur.“
Im Jahre 1863 wurde das Denkmal mit einem Umfassungsgitter versehen.
Am 25. September 1860, morgens früh, kam ein orkanartiger Sturmwind auf, der bis mittags 1 Uhr andauerte und viel Schaden, besonders an den Häusern, anrichtete.

 

Am 29. September beschloß der Gemeinderat, zur Verbesserung der Straßenbeleuchtung der Gemeinde von der Stadt Emmerich gebrauchte, aber gut erhaltene Oellaternen zu übernehmen, die in Emmerich wegen Einführung der Gasbeleuchtung entbehrlich geworden und zum Kauf angeboten worden waren. Der Bürgermeister nahm sie an Ort und Stelle in Augenschein und ließ sie durch einen Fachmann prüfen, wobei sie in gutem Zustande befunden wurden. Der Kauf kam darauf zustande. Mitgeliefert wurden eiserne Ketten, Stangen und das gesamte Tauwerk. 

Das am Leydeich gelegene sogenannte Tiggelwerk (Ziegelwerk) sollte am 4. Januar 1861 zum öffentlichen Verkaufe gestellt werden. Der Gemeinderat beschloß, dieses zwei Morgen 149 Ruten 30 Fuß große Grundstück, auf dem ein Haus stand, für die Stadt anzukaufen. Es lag in der Stadtwiese ,,Ledewinkel“ und war von ihr umschlossen. In alten Zeiten war es von der Stadt in Erbpacht vergeben und zugunsten desselben mit einer Rente von 30 Talern 17 Sgr. belastet. Bestimmend für den Gemeinderat war, daß das Ziegelwerk, wie schon erwähnt von der Stadtweide eingeschlossen war

 

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 und beim Verkauf an einen Privaten die Gefahr bestand, daß das weidende eingescharte Vieh nicht ganz sicher sei, dazu könnten mit der von dem Grundstück zu gewinnenden sehr guten Erde die niedrigliegenden Grundstücke der Stadt erheblich verbessert werden. Es wurde für die Summe von 1485 Talern angekauft. Der Kauf erhielt die Genehmigung der Regierung. Das Grundstück wurde in die Stadtweide einbezogen, der dazu gehörige Garten mit Gras und Kleesamen eingesät und das Wohnhaus auf Abbruch verkauft. 
Nachdem am 18. Dezember 1860 Frost mit Schneefall eingetreten war und ununterbrochen angehalten hatte, bildete sich im Rheine Eis, das sich Mitte Januar zu einer Eisdecke setzte, die bald darauf mit Fuhren passiert werden konnte. Eingedenk der Gefahren des Jahres 1855 und in der Voraussicht, daß bei dem bedeutenden Schneefall ein außerordentlich hoher Wasserstand zu befürchten sei, waren auf dem Banndeiche die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Am 16. Januar trat Tauwetter ein und am 23. desselben Monats setzt sich die Eisdecke bei Homberg zum ersten Male in Bewegung; unterhalb stand sie noch fest, kam aber bei der anhaltend milden Witterung kurz darauf ebenfalls in Bewegung und trieb am 27. Januar ohne Gefahr ab. Da indessen Waal und Rhein in den Niederlanden fest blieben, so staute sich das Wasser derart, daß es am 28. Januar die Rücklaufdeiche von Calcar bis Grieth überströmte und diese an mehreren Stellen durchbrach. Die Stadt Calcar sowie die Bürgermeistereien Appeldorn und Grieth wurden hierdurch überschwemmt. Man glaubte schon aller größeren Gefahr einer Eisstauung und eines Banndeichbruches enthoben zu sein, als abermals eine große Eisdecke, die noch bei Duisburg zurückgeblieben war, rheinabwärts trieb und sich auf jene an der preußisch-holländischen Grenze war. Da diese nicht weichen wollte, so stellte sich das Eis wieder bei Niedermörmter und das Wasser stieg zu solcher Höhe, daß es am 29. Januar Die Banndeiche von Grieth bis Hönnepel mit Gewalt überströmte. Das Städtchen Grieth hat hierbei viel gelitten. Die Sperrhölzer usw. in dem Wassertor des Deiches wurden von dem Wasser herausgerissen und die Fluten strömten mit solcher Gewalt in das Städtchen, daß das Straßenpflaster tief aufgerissen wurde. Mit knapper Not konnte das Vieh gerettet werden. Durch die Stauung unterhalb Emmerich wurde auch
 

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 der Till-Moylandsche Deich überflutet und es wäre wahrscheinlich zu einem Deichbruch gekommen, wenn nicht von Seiten der Deichverteidigung alles zur Erhaltung des Deiches aufgeboten worden wäre. Am 3. Februar war die Stadt Calcar, die nur zu einem kleinen Teile vom Wasser verschont geblieben war, wieder frei. In der ziemlich hoch liegenden katholischen Kirche hatte das Wasser 6 Zoll hoch gestanden.
Nach der Volkszählung vom 3. Dezember 1861 waren Einwohner vorhanden in Calcar 2183, in Altcalcar 753 und in Neulouisendorf 423, insgesamt in der Bürgermeisterei Calcar 3359.
Die Vorteile der Blitzschutzanlagen (Blitzableiter) würdigend, plante die kath. Kirchenverwaltung die Anlage von Blitzableitern auf der Kirche. Diesem Vorgehen schloß sich die Stadt an und beschloß, auch das Rathaus mit einer Blitzschutzanlage versehen zu lassen. Die von Militär- und Staatsbehörden empfohlene Firma Bongard in Wesel offerierte eine fachgemäße und einwandfreie Anlage für rund 100 Taler und erhielt den Zuschlag. 

 Auf Anregungen aus Kreisen der Bürgerschaft befaßte sich der Gemeinderat am 25. April 1862 mit der Frage der Verlegung der St. Jakob-Kirmes. Eine Verlegung wurde jedoch mit 7 gegen 5 Stimmen abgelehnt. 

Am 8. Juli 1863 wurden die Schulschwestern Maria Lemloh (Schwester Maria Laurentia) zur Lehrerin an der 1. Klasse der kath. Elementar-Mädchenschule und Klara Lohhoff (Schwester Maria Raphaele) zur Lehrerin an der 2. Klasse dieser Schule provisorisch ernannt. 
Der erste Beigeordnete Rentner Lambert Verwayen wurde am 17. Sept. 1863 für eine weitere sechsjährige Amtsdauer ernannt.
Am 24. Februar 1864 legte der Kommunalempfänger Hermann Josef Haal, der länger als 50 Jahre die Gemeindekasse pflichttreu verwaltet hatte, wegen seines hohen Alters sein Amt nieder. Die Kasse wurde vorläufig dem Steuerempfänger Schuylen übertragen. Am 29. September desselben Jahres ging sie auf Heinrich Jakob Kuypers über. 
Im Jahre 1863 war der kath. Kirche zur Unterhaltung der kath. Privat- Rektoratschule ein städtischer Zuschuß von 100 Talern bewilligt worden, der nach Ablauf dieses Jahres auch für das neue Etatsjahr beantragt wurde. Der Gemeinderat lehnte jedoch die Bewilligung eines laufenden Zuschusses ab. 

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 Dechant van Haag regte an, die Schule auf die Stadt zu übernehmen und als öffentliche höhere Knabenschule fortbestehen zu lassen. Dieser Gedanke fand Anklang beim Gemeinderat und es wurde beschlossen, mit dem Kirchvorstand in Verhandlungen  über die Uebernahme der Schule einzutreten. Es wurde zu diesem Zwecke eine Kommission, bestehend aus dem Bürgermeister Backer und den Gemeinderatsmitgliedern Notar Lauff und Heinrich Kuypers gewählt. Inzwischen hatte auch der Kirchenvorstand sein Einverständnis zu dem Vorhaben erteilt. Der Entwurf zu den Statuten für die Schule wurde in der Gemeinderatssitzung vom 21. Juli 1864 durchberaten und angenommen. Als Mitglied des Kuratoriums der Rektoratsschule wurde aus der Mitte des Gemeinderats Notar Lauff gewählt. 
Die Beleuchtung der Straßen der Stadt geschah bisher durch 14 Oellaternen. Im Winter 1863/64 war der Versuch mit Petroleumbeleuchtung gemacht worden, der über Erwarten gut ausgefallen war. Wie der Bürgermeister Backer in der Gemeinderatssitzung vom 16. August 1864 ausführte, war eine weitere Laterne angebracht worden eigens zu dem Zwecke, das Petroleum auszuprobieren. Jene Probe sei ganz vorzüglich ausgefallen, indem  die 15. Laterne ,,nicht allein mehr als doppeltes Licht gegen die Oelbrenner gegeben, sondern auch im heftigsten Winde ruhig fortgebrannt habe, dabei sei eine wesentliche Brennstoffersparnis festzustellen.“ Die Vorzüge der Petroleumbeleuchtung lagen zu offen auf der Hand, als daß der Gemeinderat dem Antrage, die Oelbeleuchtung durch Petroleumbeleuchtung zu ersetzten ablehnend gegenüberstand. Und so bekam Calcar seine Petroleumlaternen und glaubte damit die idealste Beleuchtung zu besitzen, die es nur geben könne.

 

Im Jahre 1865 wurde die Fortbildungsschule gegründet. In der Sitzung vom 28. Dezember 1865 bewilligte der Gemeinderat zu den Kosten der ersten Einrichtung der Schule aus Gemeindemitteln einen Zuschuß von 30 Talern. 

Die heute vorherrschende und von berufenen Männern der Denkmalspflege geteilte Ansicht, daß es der kath. Pfarrkirche nur zum Vorteil gereicht, wenn die Häuserreihe Sicking bis zu dem neuerdings errichteten neuen Geschäftshaus bestehen bleibt, die Kirche nach der Nordseite also nicht freigelegt wird, hat nicht immer bestanden. Schon vor mehr als 60 Jahren wurde ernstlich erwogen 

 

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Häuser abzubrechen. Der Gemeinderat hatte sich am 26. April 1866 mit der Frage zu befassen und beschloß nach eingehender Beratung mit 8 gegen 1 Stimme, die Häuser nach und nach anzukaufen, um sie bei Gelegenheit abzubrechen. Der Kauf des Eckhauses an der Altcalcarer- Herrenstraße, dem Schuster Heyming gehörend, das nur 7 Fuß von der Kirche lag und subhaftiert war, wurde endgültig beschlossen. Es kam jedoch noch nicht zum Abbruch. Die Stadt hatte für das Nikolaus- Spital eine Scheune von Bronsgeest angekauft und darin vorläufig die Feuerlöschgeräte untergebracht. Es zeigte sich jedoch bald, daß diese Scheune wegen ihrer tiefen Lage und der Hochwassergefahr als Aufbewahrungsraum für die Spritzen  höchst ungeeignet war und letztere unbedingt anderweitig untergestellt werden mußten. Das neuerworbene Heymingsche Haus wurde hier wegen seiner Hochwasserfreien Lage ausersehen. Der Gemeinderat beschloß, das Haus umzubauen und im Erdgeschoß einen Raum für die Unterbringung der Spritzen zu schaffen, den oberen Teil aber als Schulraum für die städtisch gewordene Rektoratschule auszubauen. Der Umbau kam bekanntlich zustande und das Gebäude hat bis zur Jetztzeit als Spritzenhaus und Grabenstraße auch als Rektoratschule gedient.

Am 3. April 1865 wurde der Kaplan Gerhard Sieber als Pfarrer nach Alpen, Kreis Mörs, versetzt. In die freigewordene Kaplanstelle wurde Kaplan Joseph Schloßmacher aus Kranenburg berufen.

Am 8. Juni 1865 wurde der prakt. Arzt Dr. Mönnig von der Regierung in Düsseldorf zum zweiten Beigeordneten der Bürgermeisterei Calcar ernannt; seine Vereidigung fand am 28. Juni statt.
Am 6. Oktober wurde die seitherige Lehrerin an der ersten Klasse der kath. Mädchenschule, Schulschwester Maria Lemloh, als Lehrerin der neugebildeten höheren Mädchenschule (Töchterschule) ernannt. Am gleichen Tage wurde die Lehrerin Gertud Laakmann (Schwester M. Jrenäa) provisorisch auf zwei Jahre für die zweite Klasse der kath. Mädchenschule ernannt. 
Im Oktober 1865 wurde die Telegraphenlinie längs der Cleve-Xantener Chaussee errichtet. Im Januar 1866 war die Telegraphenstation beim hiesigen Postamt fertiggestellt. Die ersten Depeschen wurden am 25. Januar, vormittags 8 Uhr, aufgegeben, und zwar je eine an die Königliche Telegraphendirektion 

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 in Berlin und an den Königlichen Telegrapheninspektor Ludewig in Köln, denen damit die Eröffnung der neuen Telegraphenstation amtlich angezeigt wurde. 
Infolge der Mobilmachung gegen Oesterreich  wurden im Mai 1866 aus der Bürgermeisterei Calcar 41 Reserve- und Landwehr-Mannschaften zur Fahne einberufen. Am 14. Mai fand auf dem Marktplatze eine Pferdeaushebung statt. Der Kreis Cleve hatte 131 Pferde zu stellen. 

 

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