Herzlich Willkommen auf der Homepage von Heinrich Theißen  
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Auf dieser Homepage finden Sie Informationen in Wort und Bild aus Kalkar und Umgebung.  

Viele Besucher stellten mir Fotos und Berichte, Gedichte und sonstige wissenswerte Hinweise über Kalkar, dessen Geschichte und der hier lebenden Personen zur Verfügung.  

Sollten Sie im Besitz gleichartiger Fotos oder Berichte sein, die Kalkar und Umgebung betreffen, würde ich mich freuen, wenn Sie mir diese zur Verfügung stellen würden.  Die Unterlagen bekommen Sie umgehend zurück.  

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.  

Heinrich Theißen  


 Jan Beier und der Teufel
Einer wahren Begebenheit nacherzählt von Franz Kühnen
 

 

Wer sich vor 50 und mehr Jahren bis nach der Jahrhundertwende als Kalkarer Junge im Kreise fröhlicher Kameraden mit dem Kreiselspiel auf der Straße vergnügte, hat sicher seinen besonderen Kreisel, den „Beierstoll“ gehabt. Kein Laden in unserem Heimatstädtchen konnte mit einem Kreisel, von uns „Toll“ genannt, dienen, der die Vorzüge eines echten Beierschen Kreisels aufzuweisen hatte. Der Beierstoll „stand“ am besten und längsten, hatte die schnittigste Form, sauste am elegantesten und weitesten durch die Luft und war, was uns Jungen mit einem gewissen Stolz erfüllte, ein heimatliches Erzeugnis. Er stammte nämlich aus der Drechslerwerkstatt des alten Jan Beier, der seine kleine, primitive Behausung, bar jedes Komforts, in der Spiegelstege, der schmalen Verbindungsstege zwischen der Monrestraße und der Grabenstraße, gegenüber dem Kirchplatz hatte. Hier schaffte er für sich und seine Frau Mina. Es war ihm sein Lebtag nicht darum zu tun gewesen, sich Schätze zu erwerben; er lebte unbeschwert von der Hand in den Mund und ließ Gott und gute Menschen mit sorgen, dass es nicht gar zu schlimm wurde mit der Not. Einen Ausgleich für das, was andere mehr im Topf und Keller hatten als er, suchte er sich von Zeit zu Zeit dadurch zu verschaffen, dass er, mehr als ihm zuträglich war, dem Alkohol zusprach. Er kam häufiger mit der Polizei in Konflikt. Wir Jungen hätten ihm wohl nicht allgemein so nahe gestanden, wenn er nicht unsere Tölle gedreht hätte. Deswegen nahm er in unserer kleinen Welt einen besonderen Platz ein. Er konkurrierte darin stark mit Jan van Dyck, dem allgewaltigen Stadtpolizisten, der bei uns allerdings nicht so gut angeschrieben war. Wir haben es jetzt noch nicht vergessen und amüsieren uns heute noch darüber, dass er uns nicht mal zur heißen Sommerzeit ein harmloses, züchtiges Fußbad im Schlüskesgraben, dem sommerlichen Tummelplatz der Kalkarer Jugend, und im Winter nicht das „Koldern“ (so nannten wir eine Art gewaltsame Versuchsprobe über die Haltbarkeit des Eises) auf der Kalflak und den unter Hochwasser stehenden tiefliegenden Weiden um Kalkar, zu keiner Jahreszeit aber auch nicht das stumpfeste Taschenmesser gönnte. Und dieser Jan van Dyck – zu seiner Ehre sei gesagt: er war ein sehr pflichttreuer Polizeibeamter und als solcher sogar ein Original – konnte unseren Jan Beier nicht besonders leiden. Er mag wohl auch Grund dazu gehabt haben, denn Jan trieb, wenn er bezecht war, zu Hause allerlei Allotria und forderte dadurch das Einschreiten der Polizei heraus. Besser war es schon, wenn er nur angeheitert war. Dann begleiteten wir ihn freudestrahlend nach Hause, stand uns doch ein ergötzliches Erlebnis in Aussicht. Zu Hause gab Jan seiner Frau Mina einen Besen in die Hand; sie musste auf Kommando wie ein Rekrut stramm stehen, den Besen auf die Schulter nehmen, festen Schrittes im Kreise um Jan marschieren, präsentieren und sonstige Übungen machen. Die Kommandos gab Jan in deutscher Sprache. Dazwischen aber bediente er sich, besonders wenn er was zu räsonieren hatte, fremdsprachiger Ausdrücke, die uns unverständlich waren. Weiß Gott, wo er sie her hatte und was für ein Kauderwelsch es war. Wir standen desweilen draußen vor dem Fenster auf den Fußspitzen, drückten uns die Nase platt an den Scheiben und konnten durch diese ungehindert blicken.

 

 

Jan van Dyck war ein kriminalistisches Genie. Er kundschafte alles Böse in der Stadt gewissenhaft aus und so konnte es ihm nicht unbekannt bleiben, wenn Jan mal wieder seinen schlimmen Tag gehabt hatte. Als er ihn eines Tages in Polizeigewahrsam genommen hatte – „zur Ausnüchterung“, wie er dann in die Haftkontrolle eintrug – lief ihm zur selben Stunde Constantin van Dornick, kurzweg im Volksmunde „Coon“ van Dornick genannt, in den Weg.

 

 

„Segg, Coon, mit owe Nobermann geht et nimmer so wihr; könnt gej öm niet van de Prüwerej afbränge?“

 

 

„Ek sall min Best duhn, Jan“, erwiderte Coon und nickte Jan verständnisvoll lächelnd zu. Er war immer zu losen Streichen aufgelegt und hatte als Nachbar von Jan Beier schon manchen Strauß mit diesem ausgefochten. Seine Kupferschmiedewerkstätte lag in unmittelbarer Nähe der Beierschen Wohnung, und da er mit Jan oft ins Gespräch kam, war ihm auch bekannt, dass dieser etwas abergläubisch veranlagt war. Darauf baute er nun seinen Plan auf.

 

 

Kurze Zeit darauf war Mina, Jan Beiers Frau, wegen irgendeiner Angelegenheit für einige Tage von Hause abwesend. Gleich am anderen Tag nahm Jan die Gelegenheit wahr und heizte so ein, dass er schon beizeiten kanonenvoll auf seinen Strohsack lag. Das war unserem Coon zu Ohren gekommen und er hielt jetzt den Zeitpunkt für gekommen, die Entwöhnungsaktion durchzuführen. Jan Beier sollte durch eine mitternächtliche Teufelserscheinung einen Denkzettel erhalten, an den er noch lange denken würde.

 

 

Coon van Dornick hatte seien Gesellen August Schriever, einen fixen Kalkarer Jungen, ausersehen, ihm bei der Aktion Hilfe zu leisten. Er weihte ihn in seinen Plan ein und hatte die Gewissheit, daß er mit Leib und Seele dabei war. Nach eingetretener Dunkelheit schwärzten sie sich so gründlich, daß auch nicht die winzigste helle Stelle mehr im Gesicht zu sehen war, zogen einen daumenbreiten Strich von knallroter Farbe rund um den Mund und steckten sich in alte schwarze Gewänder. Auch der Kopf wurde eingehüllt, nur die Gesichter blieben frei. Aber Teufel haben doch auch rote Hörner! Sie wurden kurzerhand durch dicke, rote Mohrrüben ersetzt und an der richtigen Stelle am Kopfüberzug befestigt. Schließlich wurden noch Arme und Hände geschwärzt, und die Maskerade war in zufriedenstellender Weise beendet. Ein Lötkolben, eine lang Feuerzange und ein großer Henkeltopf, gefüllt mit eben aus dem Schmiedefeuer herausgeholten glühenden Kohlen, waren die weiterhin notwendigen Requisiten, die bei dem nächtlichen Spuk eine bedeutsame Rolle spielen sollen. Für den Fall, dass es Schwierigkeiten bereiten sollte, Jan Beier genügend wach zu bekommen, hatte sich Coon van Dornick eine Literflasche mit kaltem Wasser eingesteckt.  So mit allem Nötigen versehen, begaben sich die beiden gegen Mitternacht zur Beierschen Behausung. Es fiel ihnen nicht schwer, die Tür zu öffnen, so kunstvoll war das Schloß an Jan Beiers Tür nicht. Jan lag noch immer auf seinem Strohsack und schnarchte, dass es eine Art hatte. Ein kräftiges Schütteln brachte ihn nicht zur Besinnung. Das war Coon van Dornick gerade recht, denn er hatte ja nicht umsonst die volle Flasche mit kaltem Wasser mitgebracht. Er entkorkte sie behutsam, knöpfte Jan Rock und Hemd auf der Brust auf und schob ihm die Flasche, mit dem Hals nach unten, unter das Hemd auf den bloßen Körper. Mit hörbarem Glucksen ergoß sich das Wasser über den Leib des immer noch schnarchenden Jan Beyer. Die Wirkung blieb nicht aus, Jan begann sich zu regen und nach Luft zu schnappen. Schon bald schlug er die Augen auf und wurde, als er sich fürchterlichen, unheimlichen Teufelsgestalten gegenübersah, zusehends nüchterner. Unterdessen hatte Coon seinen Lötkolben in Tätigkeit gesetzt und hielt ihn, wie auch sein Helfer August Schriever die Feuerzange mit den glühenden Kohlen, in Bereitschaft. Jan brachte es fertig, seinen Oberkörper aufzurichten und starrte nun fassungslos die beiden Gestalten mit entsetztem Gesicht und weitaufgerissenen Augen an. Er hat zumindest den hünenhaften Coon van Dornick für den leibhaftigen Gottseibeiuns gehalten, als dieser den teilweise geschickt verdeckten Lötkolben dicht vor sein Gesicht brachte und ihm damit zischendes höllisches Feuer entgegenblies. Es musste ihm scheinen, dass dieses direkt aus des Teufels Rachen kam. Psch-psch machte der Lötkolben und seine züngelnden Flammen geisterten über Jan blasses Gesicht und warfen in dem kleinen Raum gespenstige Schatten an die weißgetünchten Wände. Unterdessen fuchtelte der andere kleine Teufel mit Feuerzange und glühenden Kohlen unter fürchterlichen Augenrollen und teuflischem Grinsen bedrohlich vor seinem Gesicht herum. Und das alles unter unheimlichem Schweigen der beiden. Nun aber kam der Höhepunkt: Mit seiner tiefen Baßstimme, jedes Wort gedehnt, schallte es aus Coon van Dornicks Munde schauerlich durch den Raum: „Jan Beier, du elender Säufer, willst Du das Saufen drangeben? Ja oder Nein! Wenn nicht, fährst Du augenblicklich mit uns in die Hölle“. In angstvoller Verstörtheit und mit verzerrtem, totbleichem Gesicht rang es sich stoßweise von Jan Beiers Lippen: „Lieber Herr Teufel, ich will es nicht wieder tun“ und als der Lötkolben wieder zu zischen begann, nochmals: „Liebster, bester Herr Teufel, ich will es bestimmt nicht wieder tun“. Und dann hingen seine Augen wieder angstvoll an der Feuerzange des „Kohlenteufels“, der eben wieder glühende Kohlen mit seiner langen Zange aus dem Topf hervorgeholt hatte und ihm, wie Jan wohl meinen mochte, damit eins aufs Fell brennen wollte. Schauerlich spielte sich alles ab, so dass es den Teufel selbst hätte angst und bange werden können und sie froh waren, dass das grausame Spiel zu Ende gehen konnte. Es war zuviel für Jan. Stöhnend fiel sein Oberkörper auf den Strohsack zurück und Jan vergrub sein Gesicht ins Bett. Das war eine günstige Gelegenheit für die beiden, lautlos, wie sie gekommen waren, wieder zu verschwinden. Sie zweifelten nicht daran, daß die Kur, wenigstens für eine Zeitlang von heilsamer Wirkung auf Jan sein würde.

 

 

 Am anderen Tage ging Coon van Dornick, den es nicht ruhte, Jan wieder zu sehen, um womöglich das nächtliche Geschehen aus seinem eigenen Munde zu vernehmen, wie von ungefähr durch die Stege an Jan Beiers Behausung vorbei. Jan sah ihn durchs Fenster, ging zur Tür, noch ganz benommen und verstört von dem ausgestandenen nächtlichen Schrecken, der ihm noch sichtbar im Gesicht geschrieben stand, und richtete, scheu um sich blickend, die Frage an Coon: „Segg, Coon, hächej all es ene rechtigen Düwel gesien?“ Sich ahnungslos stellend, antwortete Coon aufrichtig: „Nee, Jan“. Darauf Jan, wobei ihm das Weinen näher als das Lachen war: „Mar ek, Coon, van de Nacht, ek kann ow bloß sägge, et was schrecklek“. Sprach´s und verschwand wieder im Hause.

 

 

Jan hat den wahren Sachverhalt nie erfahren. Der nächtliche Teufelsspuk hat seine gute, wenn auch nicht vollkommene Wirkung gehabt. Für eine längere Zeit war er vom übermäßigen Trinken kuriert. Keinem aber hat Coon van Dornick mehr Freude mit seiner Teufelsgeschichte gemacht, als Jan van Dyck, dem unvergesslichen Stadtpolizisten, dem er sie als Geheimnis unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit anvertraut hat.

 

 

Erschienen im Heimatkalender für das Klever Land 1942, S