Der Katzenbrunnen

Eine niederrheinische Sage aus Calcar
(Nach dem Heimatbüchlein von Heribert Teggers: „Aus Sage, Geschichte und Kulturgeschichte des unteren Niederrheins“).


Oberst Rabenhaupt war in Calcar eingezogen und machte  mit seinen Banden Quartier. Die schönsten Häuser waren ihm gerade gut genug, um seinen Soldaten Lagerstätten zu verschaffen. Die Pferde wurden in den feinsten Zimmern untergebracht und ihre kotigen Füße zerstampften die Teppiche. Derweil war ein großer Teil der Bürger geflohen, vor allem diejenigen, die draußen auf dem Lande Verwandte hatten.

Aber nicht alle konnten die Stadt verlassen, und die Zurückgebliebenen hatten die schwersten Schläge zu erdulden. Bald war kein einziges Stück Vieh mehr im Stall; denn die Soldaten brieten stets ein ganzes Kalb oder einen ganzen Ochsen und was sie nicht vertilgen konnten, warfen sie ihren Hunden vor. So blieb für die Bewohner fast nichts mehr übrig, und es dauerte nicht lange, da war Schmalhans Küchenmeister in den Calcarer Bürgerhäusern.

Da kam noch ein zweiter Feind hinzu, der noch heimtückischer war als der Hunger, der Durst. Über Calcar brütete eine fruchtbare Hitze, so dass im Umkreis der Stadt alle Wässerlein austrockneten. Da ersann Oberst Rabenhaupt eine neue Grausamkeit. Er belegte alle Brunnen mit Beschlag, die in der Stadt lagen; vor jedem Brunnen pflanzte er einen Posten auf, der jeden Bürger niederschießen mußte, der sich ihm näherte. Einen einzigen Brunnen ließ er den Bürgern. Der Oberst war ein wüster Geselle, der die Nächte durchzechte und ein schandbares leben führte. Eines Nachts wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager umher. Da hörte er draußen an der Stadtmauer das Geschrei von Katzen. Am nächsten Tage gab er den Befahl, alle Katzen der Stadt zu fangen und zu töten. Die ließ der Oberst in den einzigen Brunnen werfen, den er den Bewohnern noch gelassen hatte. Ein Pestgeruch erfüllte die Stadt, und selbst die Soldaten machten einen großen Bogen um die Stelle, an der der Brunnen lag.

Nun fehlte es den Bewohnern an Wasser, und sie wußten sich nicht anders zu helfen, als dass sie ungeheure Bestechungssummen für einen Krug Wasser ausgaben; denn für Geld und Schmuck waren die Soldaten stets empfänglich. Aber die Ausflucht währte nicht lange; denn man hinterbrachte die Bestechungssumme den Oberst, und dieser ließ nun an einem einzigen Tage die Stadt plündern und den Bewohnern das letzte Geldstück rauben. Nun hatten sie weder Geld noch Wasser, und die meisten gaben sich verloren. Nicht so der Stadtkaplan. Der hatte Gott in einer stillen Stunde  nach seinem Rat gefragt, und wirklich kam ihm auch ein Gedanke, der ihm Rettung versprach. In der Nacht pilgerte er zu dem streng gemiedenen Brunnen, den der Volksmund „Katzenbrunnen“ getauft hatte.

Er beugte sich nieder und löste den dritten Stein; denn er hatte in einer Chronik gelesen, dass die Bewohner einer Stadt unter einem Stein, der die Umrandung des Brunnens einfasste, eine Quelle entdeckt hatten. Kaum hatte er den Stein gelöst, da sprudelte ihm das edle Nass über die Hände und dankbar schaute der Kaplan zum Himmel empor. Er verriet niemand die Entdeckung, sondern ließ sich Töpfe und Krüge bringen und schleppte die ganze Nacht für die Bewohner Wasser, und eine Erlösung ging durch die Straßen und Gassen.

Nun geschah es aber, dass der plötzliche Mangel an Katzen das Ungeziefer vermehrte, und als eines Tages ein Diener des Obersten Rabenhaupt Wasser aus einem der vielen Brunnen schöpfte, lag plötzlich eine tote Ratte in dem Schöpfgefäß. Aus Furcht von seinem Herrn gescholten zu werden, warf es das Gefäß fort und lief aus der Stadt hinaus. In der Zwischenzeit kamen andere Soldaten zu den Brunnen und brachten Wasser heim, ohne zu wissen, dass dieses durch die zahllosen Ratten, die  in den Brunnen schwammen, vergiftet war. Da brach das Unheil über die Stadt herein. In allen Häusern lagen kranke Soldaten, und viele liefen in ihrer Not auf die Gassen und Straßen hinaus und boten einen grässlichen Anblick. Nicht  lange, da lag in manchem Winkel eine Leiche. Die wenigen Bewohner, die noch in der Stadt weilten, flohen aufs Land, ohne sich um ihr Hab und Gut zu kümmern.

Aber die Soldaten, die in der Stadt geblieben waren, hatten zum Plündern diesmal weder Zeit noch Lust. Der schwarze Tod hatte in einer Weise gewütet, dass Oberst Rabenhaupt schließlich nur noch 50 Getreue um sich versammeln konnte, die von der schrecklichen Krankheit verschont geblieben waren. An einem glühendheißen  Augustmorgen ließ der Oberst zum Sammeln blasen, als sei eine Schlacht geschlagen worden. Seine Gestalt war gebeugt, und der wilde Zug in seinem Gesicht war verschwunden. Eine fruchtbare Angst saß ihm im Nacken, und als die Sonne wie eine blutige Kugel schien, da stieg vor den Toren von Calcar eine Staubwolke auf, und wie ein Sturmwind brauste eine Reiterschar über Land und nahm die Richtung zum Rhein. – Oberst Rabenhaupt war dem Unglück entflohen, und nie wieder hat das bedrängte Land von ihm gehört, vielleicht hat er sich durchgeschlagen und sich mit einem anderen Haupttrupp jenseits des Rheines vereinigt, vielleicht ist er auch von erzürnten Bauern niedergemetzelt worden. Die Chronik weiß nichts darüber zu berichten.

Erst nach vielen Monden kehrten die Bewohner von Calcar in die Stadt zurück. Längst waren die letzten Blätter von den Bäumen gefallen und ein harter Frost hatte eine dicke Eisschicht über Kolke und Tümpel gebreitet. Ein paar beherzte Männer trugen die toten und vom Frost erstarrten Körper der Soldaten vor die Tore, und da man ihnen keine Gräber graben konnte, weil der Boden zu hart war, zündete man ein großes Feuer an. Schauerlich leuchteten die Flammen in der strengen Winternacht und die Bewohner von Calcar, die das Lodern des Feuers am Himmel sahen, beteten ein stummes Gebet für die Seelen der Feinde, die Gott gerichtet hatte
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